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Jagdschloß Glienicke

Obj.-Dok.-Nr.: 09075492
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf
Ortsteil: Wannsee
Strasse: Königstraße
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Schloß & Nebengebäude
Datierung: 1682-1684
Umbau: 1859-1862 & 1889-1892 & 1962-1964
Entwurf: Dieussart, Charles Philippe (Bildhauer)
Entwurf: Arnim, Ferdinand Heinrich Ludwig von (Architekt)
Entwurf: Geyer, Albert
Entwurf: Taut, Max
Bauherr: Friedrich Wilhelm (Kurfürst)
Bauherr: Carl (Prinz von Preußen)

Südöstlich der Glienicker Brücke steht der älteste Schlossbau auf dem Stolper Werder, das Jagdschloss Glienicke, Königstraße 36B. Seine Wurzeln reichen zurück bis ins 17. Jahrhundert, als 1678 der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm das zum Rittergut gewandelte Dorf Klein-Glienicke erwarb und sich hier ein Jagdschloss errichten ließ. (1) Ihre heutige Gestalt erhielten Schloss und Nebengebäude bei zwei Umbauphasen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie 1962-64, als unmittelbar nach dem Mauerbau das Hauptgebäude zur Internationalen Jugend-Bildungs- und Begegnungsstätte umgestaltet wurde. Nach einem Brand im Südflügel im April 2003 wurde die gesamte Anlage umfassend restauriert. Mit seiner mehr als dreihundertjährigen Bau- und Nutzungsgeschichte und seiner trotz aller Umbaumaßnahmen in großen Teilen erhaltenen historischen Bausubstanz stellt das Jagdschloss Glienicke ein Dokument von herausragender architektur- und zeitgeschichtlicher Bedeutung dar. Darüber hinaus spielte es für die Entwicklung Glienickes zum Standort für die Schlösser und Gärten des preußischen Königshauses eine Art Vorreiterrolle.

Das erste Schloss, ein einfacher quer gelagerter, dreigeschossiger Bau mit Sockelgeschoss, Walmdach und einem dreiachsigen Mittelrisalit mit Dreiecksgiebel, war unter dem Großen Kurfürsten 1682-84, möglicherweise nach einem Entwurf von Charles Philippe Dieussart, erbaut worden. (2) Es bildete mit zwei separaten Nebengebäuden - Marstall und Kavalierhaus - einen Ehrenhof, der nach Südosten dem Dorf Klein-Glienicke und dem im holländischen Stil mit Kanal und Lindenallee angelegten Park zugewandt war. Die drei Gebäude sind heute im Kern noch vorhanden; von der kunstvollen Innenausstattung des Jagdschlosses blieb in den nachfolgenden knapp 200 Jahren mit mehrmaligem Besitzer- und Nutzungswechsel - als Lazarett, Tapetenfabrik und Waisenhaus - jedoch nichts erhalten. (3)

1859 kam das Schloss mit mehreren umliegenden Grundstücken in den Besitz des Prinzen Carl, der sich seit 1824 im gegenüberliegenden ehemaligen Obstgarten des Glienicker Gutes seinen Sommersitz hatte errichten lassen. (4) Das Jagdschloss ließ Prinz Carl 1859-62 als Wohnsitz für seinen Sohn Friedrich Karl durch den Architekten Ferdinand von Arnim erweitern und im Stil des französischen Barock umgestalten sowie den Garten, vermutlich unter Mitwirkung von Peter Joseph Lenné, als englischen Landschaftspark neu anlegen. (5) Von den durch von Arnim am Schloss durchgeführten baulichen Veränderungen sind nur noch einige wenige in ihrer Struktur erkennbar. Dazu gehören die seitlichen Anbauten an das Hauptgebäude, ein Anbau an den Marstall und das damals neu errichtete Wirtschaftsgebäude südwestlich des Marstalls.

1889-92 ließ Prinz Friedrich Leopold, Sohn des 1880 verstorbenen Friedrich Karl, das Jagdschloss durch die Architekten Albert Geyer und Ernst Petzholtz im historistischen Stil umfassend verändern. Der Kernbau des Schlosses wurde um ein Stockwerk erhöht und der gesamte Bau mit steilen Walmdächern überdeckt; im rechten Winkel daran anschließend wurde ein dreigeschossiger Südflügel neu errichtet, zudem ein Turm und mehrere Neorenaissance-Giebel angefügt. Vom Vorgängerbau wurden die Loggien und Balkone entfernt und die Treppenanlage an der Gartenseite stark vereinfacht. Auch durch die Umgestaltung des Fassadenschmucks im Stil des Neobarock erhielt das Schloss einen völlig neuen Charakter. Im Inneren wurden aufwendige Raumdekorationen und technische Neuerungen wie Heizung, Elektrizität und Badezimmer eingebaut. Die vorhandenen Nebengebäude wurden aufgestockt, mit Anbauten erweitert und in der Gestaltung dem Schlossbau angepasst; am Wasser wurde ein Maschinenhaus neu errichtet.

Vom Zweiten Weltkrieg blieb das Jagdschloss weitgehend verschont. Das Hauptgebäude, das zwischenzeitlich verschiedene Nutzungen erlebt hatte, wurde 1962-64 nach Plänen des Architekten Max Taut zur Jugend-Begegnungsstätte umgebaut. (6) Wegen der Grenzbefestigungen um das Dorf Klein-Glienicke, die den ursprünglichen Bezug zwischen Schloss und Dorf zerstörten, und zur Abgrenzung gegen die als Heimvolkshochschule genutzten Hofbauten verlegte Taut in Absprache mit dem Landeskonservator und dem Senatsbaudirektor den Haupteingang in einen Glaserker an die Gartenseite des Schlosses; an der Hofseite öffnete er die Wand durch ein großes Fenster. Im Inneren schuf er ein neues Treppenhaus und eine Vielzahl neuer Räume. Im Park entstand eine Gymnastikhalle, die mit dem Schloss durch einen überdachten Gang verbunden wurde, außerdem ein flacher Anbau zwischen Schloss und Küchengebäude sowie ein Wohnbungalow mit Garagen- und Lagerbauten. Mit seiner funktionalen Architektursprache, die auf die grenznahe Lage und die Nutzung als öffentliche Bildungsstätte reagierte, stellt der Jagdschlossumbau ein bedeutendes Zeugnis für die Nachkriegsmoderne ebenso wie für das Werk Max Tauts dar. Nach dem Brand im Südflügel 2003 begann man mit der grundlegenden Sanierung der Gebäude, dabei wurden unter anderem der Küchenanbau und der Verbindungsgang aus den 1960er Jahren entfernt. (7) Seit 2007 wird das Jagdschloss Glienicke vom Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg genutzt.


1) Jagdschloss Glienicke 1987; Mielke 1991, S. 18, 454 f.; Hildebrandt/Lemburg/Wewel-Blake: Jagdschloss Glienicke, Bau- und Entwicklungsgeschichte, Gutachten i.A. des Landesdenkmalamtes, Berlin 2004; Hoffmann, Christa: Jagdschloss Glienicke, Geschichte und Nutzung im Laufe der Jahrhunderte, hrsg. v. Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg (SFBB), Berlin 2010.

2) Der Architekt ist nicht belegt. Charles Philippe Dieussart (um 1625-1696) - Architekt, Bildhauer und Theoretiker - trat in den 1680er Jahren in den Dienst des Großen Kurfürsten und könnte am Bau des Jagdschlosses beteiligt gewesen sein. Vgl. Jagdschloss Glienicke 1987, S. 41 ff.; Saur: Allgemeines Künstler-Lexikon, Bd. 27, München-Leipzig 2000, S. 341 f.

3) Vom ersten Schlossbau gibt es eine Gesamtansicht, eine Innenansicht des Salons sowie Grundrisse in Form von Kupferstichen in dem Werk: Broebes, Jean Baptiste: Prospect der Palläste und Lustschlösser Sr. Kgl. Majestät in Preußen, Augsburg 1733. Die älteste Darstellung der Anlage bietet der Plan von Samuel de Suchodoletz "Eigentlicher Grundriß der Churfürstlichen Herrschafft Potsdamb (.)", 1683. Vgl.: Jagdschloss Glienicke 1987, S. 14-17, 22-24 (Kat. Nr. 1, 19-21). Im Erdgeschoss des 1892 erbauten Südflügels hat sich eine Holzkassettendecke erhalten, die erheblich älter ist als der Bau und in den Raum transloziert wurde. Ob sie aus dem ersten Jagdschloss Glienicke stammt oder aus einem anderen Schloss erworben wurde, ist nicht nachweisbar.

4) Königstraße 36, Schloss und Park Glienicke.

5) Das Hauptgebäude erhielt seitliche Anbauten und Mansardwalmdächer sowie eine reiche Fassadengliederung. Ein aufwendig gestaltetes Treppenhaus mit Vorfahrt im nördlichen Seitentrakt diente der Erschließung des Schlosses vom neuen Kurfürstentor an der heutigen Möwenstraße (vom Treppenhaus ist noch ein Marmorbogen mit zwei Säulen im Obergeschoss erhalten). Die Gartenseite schmückte von Arnim mit einem Terrassenvorbau mit vierläufiger Treppenanlage und Brunnen, die Hofseite mit Balkonen am Mittelrisalit und Loggien vor den Seitentrakten. Die Balkone waren mit Skulpturen und Gittern vom Palais Donner, Am Festungsgraben 1, im Berlin-Mitte dekoriert. Von den sechs Atlantenhermen waren vier original und zwei als Abgüsse ergänzt worden, seit dem Umbau von 1892 liegen vier Figuren (drei original, ein Abguss) im Park des Schlosses Glienicke (Vgl. Jagdschloss Glienicke 1987, S. 101). Die Flügelbauten erhielten ebenfalls Mansarddächer und Pavillons, an das Stallgebäude wurde winkelförmig ein kurzer Trakt angefügt. Zwischen Schloss und Marstall entstand ein Wirtschaftsgebäude, in dem damals die Küche untergebracht wurde. Die Nebengebäude wurden durch Treillagen (überwachsene Laubengänge) miteinander verbunden. Vgl. Bernhard, Andreas: Die Bautätigkeit der Architekten von Arnim und Petzholtz. In: Schloss Glienicke 1987, S. 88 ff. An der Parkgestaltung hatten vermutlich sowohl Lenné als auch Prinz Carl Anteil. Der Jagdschlosspark sollte auch als Fortsetzung des Pleasuregrounds und zur Erweiterung der Blickachse vom Schloss Glienicke nach Potsdam dienen. Vgl. Jagdschloss Glienicke 1987, S. 83 ff., 99 ff.

6) Nach Übernahme des Schlosses durch die Stadt Berlin wurde es 1939-45 durch die Babelsberger UFA, dann als Kadettenanstalt der Roten Armee genutzt, bis 1947 ein Kinderheim und Jugendherberge einzogen. 1985 wurden auch die Flügelbauten - Marstall und Kavalierhaus - für die Heimvolkshochschule umgebaut. Vgl. Menting, Annette: Max Taut (1884-1867), Das Gesamtwerk, München 2003, S. 353.

7) Architektin der Sanierung: Christina Petersen. Die Küche wurde in den Marstall verlegt, wo bereits in den 1980er Jahren der Speisesaal in den ehemaligen Pferdeställen eingerichtet worden war. Beim Abriss des Tautschen Küchengebäudes wurde die Seitenwand eines 1892 errichteten Verbindungstraktes zwischen Schloss und Wirtschaftsgebäude entdeckt. Durch Kopie dieser durch große Segmentbogenfenster und Pilaster gegliederten Wand wurde der eingeschossige Verbindungsgang rekonstruiert. Das ehem. Wirtschaftsgebäude wird nun für Verwaltungszwecke genutzt.

Literatur:
  • Schultheiß-Block, Gabriele (Hrsg.): Das gantze Eyland muß ein Paradies werden. Jagdschloß Glienicke, Ausstellungskat., Berlin 1987 / Seite 461-477
  • Wyrwa, Ulrich: Schloß Klein-Glienicke in
    Geschichtslandschaft, Zehlendorf, 1992 Topographie Zehlendorf/Wannsee, 2013 / Seite 165f
  • Jagdschloss Glienicke 1987 Hildebrandt/Lemburg/Wewel-Blake: Jagdschloss Glienicke, Bau- und Entwicklungsgeschichte, Gutachten i.A. des Landesdenkmalamtes, Berlin 2004 Hoffmann, Christa: Jagdschloss Glienicke, Geschichte und Nutzung im Laufe der Jahrhunder / Seite 18, 454 f
  • Menting, Annette: Max Taut (1884-1867), Das Gesamtwerk, München 2003 / Seite 353