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Haus von Siemens & Villa Siemens

Obj.-Dok.-Nr.: 09075481,T
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf
Ortsteil: Wannsee
Strasse: Am Kleinen Wannsee
Hausnummer: 5
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Wohnhaus & Nebengebäude
Datierung: 1886-1890
Entwurf: Hentschel, Paul (Architekt)
Ausführung: Krone, Paul (Architekt & Maurermeister)
Bauherr: Siemens, Arnold von (Fabrikbesitzer)

(...) Haus von Siemens, Am Kleinen Wannsee 5, heute Verwaltungsgebäude der Immanuel Diakonie GmbH. In einen parkartigen Garten eingebettet, war die Villa mit ihren Nebengebäuden einer der herausragenden Landsitze der Kolonie Alsen. Ihre Bauherren waren Arnold von Siemens - Mitinhaber der Firma Siemens & Halske und Mitglied des Preußischen Herrenhauses - und seine Ehefrau Ellen, geb. von Helmholtz. (1) Arnold von Siemens erwarb 1885 das rund 2,4 Hektar große Grundstück von Wilhelm Conrad und ließ 1886-90 die schlossähnliche Villa, ein Wirtschafts- und Stallgebäude, eine Gartenloggia mit vorgelagerter Terrassenanlage, ein Palmenhaus, ein Bootshaus und ein Maschinenhaus zur Stromgewinnung errichten. Die Entwürfe lieferte ein enger Freund des Bauherrn, der Autodidakt Paul Hentschel, unterstützt von dem Berliner Architekten und Maurermeister Paul Krone. (2) Die Villa Siemens zählte bis zum Zweiten Weltkrieg zu den ersten Adressen in Wannsee, sie bot den repräsentativen Rahmen für Zusammenkünfte des sozial und kulturell engagierten Berliner Bildungsbürgertums. Bedeutende Maler, Architekten, Dichter und Musiker waren ebenso unter den Besuchern wie Bankiers, Politiker und Angehörige des Kaiserhauses. Bei den Endkämpfen des Zweiten Weltkriegs erlitten Villa und Nebengebäude zwar Schäden, blieben aber im Wesentlichen intakt. (3) Durch Schenkung ging das Grundstück 1950 in den Besitz der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde Schöneberg über, die in der Villa ein Jugendhospital einrichtete - die spätere Rheumaklinik des Immanuel-Krankenhauses. Die aufgrund der Umnutzung erfolgten Umbauten sind am Gebäudebestand ablesbar. An der Straße liegt zunächst, hinter einer Stabgittereinfriedung mit Steinpfeilern aus rotem Klinker und hellen Putzfeldern, das ehemalige Wirtschafts- und Stallgebäude. Mit seinen vier Flügeln umschließt es einen Innenhof. Der im Erdgeschoss massive, hell geputzte Steinbau mit Fachwerk im Obergeschoss und Dachdeckung aus Schiefer zeigt Formen der Deutschen Renaissance: leicht überkragendes Obergeschoss auf Konsolen, darüber Fächerrosetten, krumme Fuß- und geschweifte Brüstungsstreben, durch Ständer geteilte Fenster. In der Rücklage der Straßenfassade bilden zwei hohe Krüppelwalmgauben mit ihren kühnen Schwebegiebeln ein hervorstechendes Motiv. An der ehemals einem Tennisplatz zugewandten Westseite markiert ein Turm den Eingang in den Wirtschaftstrakt und die Durchfahrt in den Innenhof. Die Stallungen waren im Südflügel gegenüber der Villa angeordnet. Gemeinsam mit dem durch Kriegseinwirkung zerstörten Torbau und dem Wirtschaftsgebäude sollte die Wirkung eines "Altstadtensembles" erzielt werden. (4) Die auf einer Anhöhe oberhalb des Kleinen Wannsees gelegene Villa besaß ursprünglich drei Türme, steile Dächer und hohe Schaugiebel; sie war damit eine weithin sichtbare Landmarke. Entsprechend der im 19. Jahrhundert üblichen Praxis einer Differenzierung zwischen Haupt- und Nebengebäude anhand von Bauweisen und Materialien wurde die dreigeschossige Neorenaissancevilla in Massivbauweise als Backsteinbau mit Sandsteindekoration ausgeführt. Die heutige Form geht auf den Umbau zum Krankenhaus von 1950 zurück. Die das Gebäude wesentlich charakterisierende Dachlandschaft wurde entfernt und durch zwei hell geputzte Stockwerke schlichter Form ersetzt. Die Fassaden der unteren beiden Etagen präsentieren noch die ursprüngliche Gestaltung einschließlich der polygonalen Türme. Der wirkungsvolle Gegensatz von rotem Backsteinmauerwerk und hellem Werkstein wie auch das Formenrepertoire der dekorativen Elemente ist den Schlossbauten der flämischen und norddeutschen Renaissance entliehen und erinnert an Bauten gleicher Bauzeit von Kayser & von Großheim, Hans Grisebach und Otto March. (5) Eine besonders schöne Partie zeigt die Westfassade mit den beiden Türmen, dem von Rundbogennischen gerahmten Säulenportal des großen Saales und der davor befindlichen Terrasse mit Freitreppe. Sowohl die Sandsteinelemente als auch die schmiedeeisernen Balkongeländer weisen hier eine außerordentlich reiche Vielfalt dekorativer Formen auf. Der Eingang mit dem überdachten Portal befindet sich an der Ostseite des Gebäudes und wird von einer Vorfahrt erschlossen. Die Backsteinfassade, mit Turm rechts und ehemaliger Loggia links neben dem Eingangsrisalit, war einst von einem steilen Stufengiebel und hohen Dachaufsätzen des Turms geprägt. Das auf Knaggen auskragende Turmgeschoss wird heute von einem flachen Zinkblechdach und einem Kreuz abgeschlossen. Bemerkenswert ist der Eingangsrisalit mit seinen reich gestalteten Fensterbändern im Obergeschoss, denn er enthielt ein - inzwischen verändertes - repräsentatives Treppenhaus und schloss damit typologisch an barocke Schlossbauten an. In den Räumlichkeiten der Beletage, mit großem Gartensaal und Terrasse nach Westen, sind noch wandfeste Ausstattungsstücke erhalten.


1) Arnold (1853-1918) war der älteste Sohn des Firmengründers Werner von Siemens, vgl. Neue Deutsche Biographie, Bd. 8, Berlin 1969, S. 498; Ellen (1864-1941) war die Tochter des Physikers Hermann von Helmholtz; im Buch für ihre früh verstorbene Tochter sind historische Fotos der Villa von Siemens abgebildet, vgl. von Siemens, Ellen: Gerda Ellen von Siemens, Berlin 1911.

2) Die Blätter für Architektur und Kunsthandwerk 8 (1895), S. 10, Taf. 20, geben nur Paul Hentschel (1853-1914) an; BusB IV C bezeichnet Paul und Walther Hentschel als Architekten. Zuletzt wurde Paul Hentschel unter Mitarbeit von Paul Krone nachgewiesen. Vgl. Schäche, Wolfgang: Zu Geschichte und Bestand des ehemaligen Anwesens Arnold von Siemens. In: Der Senator für Bau- und Wohnungswesen, Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin, Bauwettbewerb, Ausschreibung, Berlin 1987, S. 29 ff.; Schäche, Wolfgang: Bauhistorisches Gutachten mit Dokumentation des ehemaligen Anwesens Arnold von Siemens, Gutachten i.A. des Deutschen Rheumaforschungszentrums, Berlin 1989.

3) Der Hauptturm der Villa, die Pergola zur Loggia und der Portikus waren zerstört, das Maschinenhaus war bereits in den 1920er Jahren abgebrochen worden: Vgl. Schäche, Wolfgang: Bauhistorisches Gutachten mit Dokumentation des ehemaligen Anwesens Arnold von Siemens, Gutachten i.A. des Deutschen Rheumaforschungszentrums, Berlin 1989, S. 41.

4) Brönner 2009, S. 297, 309 f. Ähnlich in Wannsee: Villa Ebeling, Am Sandwerder 12.

5) Kurfürstendamm 6/6A (von 1886; zerstört, Abb. Brönner 2009, S. 292), Villa Guthmann, Am Sandwerder 5 (von 1885); München, Palais Pringsheim (1888, zerstört, Abb. Brönner 2009, S. 293).

Literatur:
  • BusB II/III 1896 / Seite 170 ff.
  • BusB IV C 1975 / Seite 296 f.
  • Heinisch, Tilmann/Schumacher, Horst: Colonie Alsen, Berlin 1988 / Seite 163 ff.
  • Topographie Zehlendorf/Wannsee, 2013 / Seite 76ff
  • Die Blätter für Architektur und Kunsthandwerk 8 (1895) / Seite 10
  • Schäche, Wolfgang: Zu Geschichte und Bestand des ehemaligen Anwesens Arnold von Siemens in
    Der Senator für Bau- und Wohnungswesen, Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin, Bauwettbewerb, Ausschreibung, Berlin 1987 / Seite 29 ff
  • Schäche, Wolfgang: Bauhistorisches Gutachten mit Dokumentation des ehemaligen Anwesens Arnold von Siemens, Gutachten i.A. des Deutschen Rheumaforschungszentrums, Berlin 1989 / Seite 41
  • Brönner, Wolfgang: Die bürgerliche Villa in Deutschland 1830-1890, Düsseldorf 2009 / Seite 297, 309 f
Teilobjekt Wirtschaftsgebäude
Teil-Nr.: 09075481,T,001
Sachbegriff: Wirtschaftsgebäude
Datierung: 1886
Teilobjekt Wohnhaus
Teil-Nr.: 09075481,T,002
Sachbegriff: Wohnhaus
Datierung: 1887
Teilobjekt Gartenhalle
Teil-Nr.: 09075481,T,003
Sachbegriff: Gartenhalle
Datierung: 1887
Teilobjekt Aussichtsturm
Teil-Nr.: 09075481,T,004
Sachbegriff: Aussichtsturm
Datierung: 1887
Teilobjekt Bootshaus
Teil-Nr.: 09075481,T,005
Sachbegriff: Bootshaus
Datierung: 1890
Teilobjekt Grotte
Teil-Nr.: 09075481,T,006
Sachbegriff: Grotte
Datierung: 1912-1913