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Haus Collignon

Obj.-Dok.-Nr.: 09075479,T
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf
Ortsteil: Wannsee
Strasse: Am Großen Wannsee
Hausnummer: 72 & 74 & 76
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Wohnhaus & Bürohaus & Stall
Entwurf: Paul, Bruno (Architekt)
Bauherr: Collignon, Hans (Diplomingenieur)

Weiter nördlich ändert die Straße Am Großen Wannsee ihren Verlauf und biegt scharf nach links um. Geradeaus befindet sich die Einfahrt zum Haus Collignon, Am Großen Wannsee 72/76. Noch während des Kaiserreiches hatte der Diplomingenieur und Fabrikbesitzer Hans Xaver Collignon das weitläufige Terrain am Heckeshorn erworben und ließ es 1923-26 mit Wohnhaus, Verwaltungsgebäude und Garagenhaus bebauen.(1) Architekt des Ensembles von hoher gestalterischer Qualität war Bruno Paul, der hier insbesondere mit dem Wohnhaus ein herausragendes Beispiel für den Einfluss des Expressionismus auf die Berliner Baukunst der 1920er Jahre hinterlassen hat. Links neben der Einfahrt steht zunächst das kompakte kleine Garagenhaus von 1925-26, das später zu Wohnzwecken umgebaut wurde. Rechts befindet sich das so genannte Verwaltungsgebäude - ein breit gelagerter Bau mit zwei unterschiedlich weit vorspringenden Seitenflügeln, dessen Mittelachse und Eingang von einem Dachreiter mit Uhr betont wird. 1923-24 als Verwaltergebäude für den Besitz geplant, wurde es bald schon als Bürohaus mit Kleinwohnungen genutzt. (2) Die beiden eingeschossigen Nebengebäude - mit Putzfassaden und Kalksteinverblendung im Sockelbereich, an Türgewänden und Pergola sowie in naturroten Biberschwanzziegeln gedeckten Walmdächern - zeigen eine Gestaltung, die an den seinerzeit als vorbildlich empfundenen Bauten der Zeit um 1800 orientiert ist.

Das eigentliche Wohnhaus Collignon befindet sich auf dem hinteren, von der Straße her nicht mehr einsehbaren Grundstücksteil am Rand einer Waldlichtung. Bruno Paul nutzte den durch die Haveldünen natürlich modellierten Bauplatz für die Positionierung des Hauses geschickt aus, indem er es als krönenden Abschluss auf einen nach Nordwesten hin abfallenden Hang stellte und in die ihn umgebende Landschaft einbettete. (3) Das Gebäude besitzt eine unverwechselbare Gestaltung, die - vom Grundriss her entwickelt - sich über die Fassaden bis ins Dach hinein prägend auswirkt. Grundlegend hierfür sind die an den beiden Hangseiten wabenartig komponierten Gesellschaftsräume mit ihren spitzwinklig aufgefalteten Außenwänden. Diese kristalline Form wird im Dach fortgesetzt, was zu einer komplizierten, teilweise zackigen und steilen Dachlandschaft führt. Nord- und Ostseite weisen dagegen traditionell rechtwinklige Fassaden auf mit eigenen, sich dem Hauptdach unterordnenden Bedachungen. Der Grundriss an sich ist konventionell, mit mittiger Diele und einer Suite aus Wohnzimmer, Gartenzimmer und Speisezimmer, davor eine - rautenförmige - überdeckte Terrasse. Eine Besonderheit ist das neben dem Eingang und der Garderobe angeordnete Kinderspielzimmer, eine Disposition, die bei großbürgerlichen Häusern bisweilen anzutreffen ist. Stilistisch wie auch im Gesamtwerk des Architekten ist das originäre Gebäude nur schwer einzuordnen. Charakteristisch sind das gefaltete, in rotem Biberschwanz gedeckte und wie ein Hut tief über das Obergeschoss heruntergezogene Dach, die ebenerdige Lage ohne Sockel, die sandfarbenen Putzfassaden mit den kontrastierenden weiß gerahmten Sprossenfenstern. Der durch die exponierte Lage und die zackigen Formen her bestimmte Gesamteindruck ist expressionistisch, im Detail sind aber ebenso Züge des Landhausstils erkennbar, wie etwa die bewegte Dachlandschaft oder die bündig in den Putzfassaden sitzenden Fenster. (4)

1930 veräußerte Hans Collignon das Anwesen an den Geschäftsmann Sidney van den Bergh, der Deutschland wegen seiner jüdischen Herkunft aber bereits 1933 wieder verlassen musste. Der von dem begeisterten Wassersportler angelegte Stichkanal zum Wannsee ist mit seiner Brücke am Uferweg erhalten. 1940 zwangsverkauft, wurde das Wohnhaus bis Kriegsende von der SS genutzt. Nach Freigabe durch die amerikanische Besatzungsmacht diente es als Ärztewohnhaus der Lungenklinik Heckeshorn.


1) Hans Xaver Collignon war Produzent von Schreibmaschinentypen (Firma Ransmayer und Rodrian). Vgl. zum Lebenslauf des Francois Collignon: http://www.timetravelteam.com/doc/collignonFrancois/Collign on


2) Vermietet an Collignons Firma Ransmayer und Rodrion.

3) Ein wenig erinnert es an das Haus Wylerberg im westfälischen Kleve, das auf einen Entwurf des Architekten Otto Bartning von 1921 zurückgeht und etwa gleichzeitig realisiert wurde. Beide Häuser belegen in hervorragender Weise die aktive Auseinandersetzung der Architekten mit den ideellen Themen der Architektur- und Kunsttheorie ihrer Zeit, die insbesondere das "Kristall" als kleinsten natürlichen Baustein in den Mittelpunkt der Betrachtung rückte. Vgl. Günther, Sonja: Das Werk des Karikaturisten, Möbelentwerfers und Architekten Bruno Paul (1874-1968). In: Stadt: Neue-Heimat-Monatshefte für Wohnungs- und Städtebau 29 (1982), H. 10, S. 41.

4) Pranger, Regine: Das kristalline Sinnbild. In: Moderne Architektur in Deutschland 1900 bis 1950, Expressionismus und Neue Sachlichkeit, Frankfurt a.M., 1994, S. 69 ff.

Literatur:
  • Weber, Klaus Konrad: Kleine Baugeschichte Zehlendorfs, Berlin 1972 / Seite 60
  • BusB IV C 1975 / Seite 243
  • Stadt. Monatshefte für Wohnungs- und Städtebau (1982) 10 / Seite 38
  • Günther, Sonja: Das Werk des Karikaturisten, Möbelentwerfers und Architekten Bruno Paul (1874-1968) in
    Stadt: Neue-Heimat-Monatshefte für Wohnungs- und Städtebau 29 (1982) 10 / Seite 41
  • Pranger, Regine: Das kristalline Sinnbild in
    Moderne Architektur in Deutschland 1900 bis 1950, Expressionismus und Neue Sachlichkeit, Frankfurt a.M. / Seite 69 ff
  • Topographie Zehlendorf/Wannsee, 2013 / Seite 107f
Teilobjekt Wohnhaus
Teil-Nr.: 09075479,T,001
Sachbegriff: Wohnhaus
Datierung: 1923-1926
Teilobjekt Bürohaus & Wohnhaus
Teil-Nr.: 09075479,T,002
Sachbegriff: Bürohaus & Wohnhaus
Datierung: 1923-1924
Teilobjekt Stall
Teil-Nr.: 09075479,T,003
Sachbegriff: Stall
Datierung: 1925-1926