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Haus Semmel

Obj.-Dok.-Nr.: 09075401
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf
Ortsteil: Dahlem
Strasse: Pacelliallee
Hausnummer: 19 & 21
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Villa & Gärtnerhaus
Datierung: 1925-1926
Entwurf: Wollenberg, Adolf (Architekt)
Bauherr: Semmel, Richard (Fabrikant)

Das Eckgrundstück zwischen Pacelliallee, Im Dol und Max-Eyth-Straße wird vom eindrucksvollen Anwesen des Haus Semmel, Pacelliallee 19/21, eingenommen. Der Architekt Adolf Wollenberg schuf die äußerst repräsentative Anlage für den Fabrikanten, Minenbesitzer und Kunstsammler Richard Semmel in den Jahren 1925-26.

Das rund 10.000 Quadratmeter große parkartige Areal mit altem Baumbestand ist von einer hohen Stabgittereinfriedung eingefasst. Die hinter einem tiefen Vorgarten zurückliegende, an eine ländliche Schlossanlage erinnernde Bebauung besteht aus einem breit gelagerten Haupthaus und einem rechtwinklig dazu an die Straße gestellten großen Wirtschaftsgebäude. Zwei seitliche Tore ermöglichen eine Autovorfahrt zum Eingangsportikus, ein Fußweg führt mittig an zwei Sandsteinskulpturen - Personifizierungen von Fleiß und Wissen - auf das Haupthaus zu. Mit seinen neoklassizistischen Fassaden bildet das Gebäudeensemble ein herausragendes, wenngleich spätes Beispiel für die formale Rückbesinnung auf die Architektur der Zeit um 1800. Kennzeichnend hierfür ist am Hauptgebäude die Form des achsensymmetrisch konzipierten, zweigeschossigen Baukörpers mit Walmdach, gesprengtem Mittelgiebel, Seitenrisaliten und Portikus mit Balkon.

Aber auch die architektonischen Einzelheiten an Haupt- und Nebengebäude - wie die hellen Putzfassaden mit Eckquaderungen aus grünlichem Sandstein, die kleinteiligen, mit Klappläden versehenen hochrechteckigen Sprossenfenster, die Fledermausgauben und die mit Segmentgiebeln abgeschlossenen Kastengauben - verarbeiten Gestaltungsmotive des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Hervorzuheben sind neben der ausgewogenen Proportionierung im Ganzen vor allem die sehr qualitätsvolle Ausführung und exakte Durchbildung architektonischer Details. Damit gelang es dem Messel-Schüler Adolf Wollenberg, die von Paul Mebes empfohlene Stilrichtung einer zeitgemäßen, jedermann verständlichen Architektur auf hohem Niveau zu verwirklichen, ohne dabei eine historische Kopie klassizistischer Vorbilder darzustellen. Einzig die zweigeschossige Säulenloggia mit Palladio-Motiv an der Gartenseite scheint einem anderen Zeitgeist, vielleicht aber auch dem Wunsch des Bauherren, entsprungen zu sein.

Im Inneren haben offenbar die kritischen Gedanken Friedrich Ostendorfs zur Umgestaltung der Landhäuser von Muthesius im Sinne des spätbarocken Klassizismus ihren gestalterischen Niederschlag gefunden. So besitzt der streng symmetrische Baukörper eine nach funktionalen Gesichtspunkten vorgenommene Grundriss-Einteilung mit quer gelagerter Treppenhalle, um die sich im mittleren und linken Gebäudeteil Herrenzimmer, Musikzimmer, Salon, Gartensaal und Speisezimmer gruppieren, sowie einem Wirtschaftstrakt im rechten Gebäudedrittel. Von der ursprünglich reichen Innenausgestaltung sind trotz mehrfacher Umbauten immer noch wesentliche Teile erhalten, so zum Beispiel das in edlem Holz getäfelte Treppenhaus, die Decken- und Wandgestaltung von Halle und Speisezimmer sowie der Deckenschmuck des ehemaligen Musikzimmers. Von herausragender Bedeutung ist die Bibliothek mit original barocken Ausstattungsstücken wie Wandvertäfelungen und Türen. Ganz besonderer Wert kommt hier dem auf Holz gemalten Deckengemälde südfranzösischer Herkunft der Zeit um 1670 zu. Richard Semmel hatte das Deckenbild mit Darstellung einer "Fama" vermutlich über den Kunsthandel erworben und, mit einer neobarocken Rahmung versehen, in die Bibliothek seines neuen Hauses einpassen lassen. (1) Die Entwürfe für die Innenausstattung stammen vermutlich ebenfalls von Adolf Wollenberg, der Haus-, Garten- und Innenarchitekt zugleich war und der bis zu seiner Emigration nach England zahlreiche ähnliche Villen für eine begüterte Klientel, darunter die Villa Harteneck in Grunewald, errichtete. (2)

Richard Semmel verblieben nur wenige Jahre in seinem neuen Haus. Er verließ Deutschland mit seiner Familie bereits 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung und seiner engen Einbindung in die Deutsche Demokratische Partei. Er emigrierte über Holland in die USA, wo er 1950 verarmt starb. Die Villa wurde 1934 von der Hamburger Familie Kühne erworben, die sie ab 1940 vermietete und 1956 wieder veräußerte. (3) Seitdem als Kranken- und Behindertenheim genutzt, erfolgte ab 1998 eine umfassende Restaurierung und Wiederherstellung.

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(1) Kaltenbach, Angelika: Villa Semmel in Dahlem, Umnutzung und Umbau. In: Berlin. Denkmalschutz und Denkmalpflege, Berlin 2001, S. 90-91.

(2) Warhaftig 2005, S. 134 ff.

(3) Es wurde an die katholische Kirche verkauft. Ob der päpstliche Nuntius Kardinal Eugenio Pacelli - der spätere Papst Pius XII. - die Villa schon in den 1920er Jahren bewohnte, wie vielfach angenommen, ist nicht sicher.

Literatur:
  • Mebes/ Um 1800, München 1908 / Seite (zum Rückgriff auf die Architektur um 1800)
  • Topographie Dahlem, 2011 / Seite 191
  • Schultze-Naumburg, Paul, Kulturarbeiten, Bd. I, München 1912 / Seite (zum Rückgriff auf die Architektur um 1800)