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St.-Annen-Kirche

Obj.-Dok.-Nr.: 09075373
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf
Ortsteil: Dahlem
Strasse: Königin-Luise-Straße
Hausnummer: 55
Strasse: Pacelliallee
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Kirche & Einfriedung
Datierung: um 1300 & 1450/1500 & um 1518 & 1953

Zentrales und prägendes Bauwerk des Dorfkerns an der Kreuzung der Pacelliallee mit dem Dorfanger ist die St.-Annen-Kirche, Königin-Luise-Straße 55, mit Kirchhof und Einfriedungsmauer, die in ihren Ursprüngen bis in die Gründungszeit Dahlems in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zurückreicht. Wegen der weitgehend original erhaltenen Bausubstanz aus dem 14. bis 17. Jahrhundert und einer ungewöhnlich qualitätsvollen Ausstattung zählt die St.-Annen-Kirche zu den historisch und künstlerisch bedeutendsten mittelalterlichen Dorfkirchen in Berlin. (1)

An der heutigen Kirche lassen sich trotz fehlender schriftlicher Quellen zur Baugeschichte vier verschiedene Bauphasen ausmachen. Das Langhaus wurde vermutlich um 1300 auf den Fundamenten eines nicht näher zu bestimmenden Vorgängerbaus als flach gedeckter Rechtecksaal errichtet. (2) Auf die Bauzeit dieses ältesten erhaltenen Bauteils, dessen ursprüngliche Traufkante außen an dem weißen Streifen im Mauerwerk erkennbar ist, verweisen die schmalen Schartenfenster in der Nordwand sowie das Ziegelmauerwerk über einem Sockel aus unregelmäßigen Feldsteinen. Der spätgotische polygonale Chor mit großen Maßwerkfenstern und Kreuzrippengewölbe entstand kurz nach 1490 und überragte zunächst das Kirchenschiff. Dieses wurde 1511-12 erhöht und mit dem Chor unter einem gemeinsamen Dach zusammengefasst. (3) Die Gewölbe des Langhauses müssen, neuen Untersuchungen zufolge, bereits bald danach, wohl zwischen 1512 und 1518, ausgeführt worden sein. (4) Auch die beiden großen Fenster in der Südwand des Kirchenschiffes sind vermutlich zu diesem Zeitpunkt eingebaut worden. Der Anbau an der Nordseite der Kirche, entstanden 1504-07 als Gruft für die Gutsherrenfamilie von Spiel, besitzt heute den ältesten im Berliner Raum erhaltenen Fachwerkgiebel. (5) Im Zuge umfangreicher Baumaßnahmen nach Beschädigungen im Dreißigjährigen Krieg wurden 1671-79 im Inneren der Kirche Orgelempore und Kanzel eingebaut. Ein 1781 errichteter hölzerner Dachturm wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und 1953 in veränderter Form ersetzt. (6) Im gleichen Jahr wurden das Dach neu gedeckt und die Wetterfahne mit der Jahreszahl 1781 und den Initialen C.H.v.W., die 1832 auf den Chor versetzt worden war, als Kopie erneuert. (7) Die beiden Fenster in der Südwand erhielten 1951 und 1964 Bleiverglasungen nach Entwürfen der Künstler Hermann Kirchberger und Ludwig Peter Kowalski.

Im Inneren der Kirche verweisen die in Resten erhaltenen mittelalterlichen Wandmalereien, die Figuren eines gotischen Schnitzaltars, die bemalte Kanzel sowie drei Grabplatten auf die besondere historische Bedeutung der Dorfkirche und ihre Beziehungen zu den Dahlemer Gutsherren. Die Fragmente des Freskenzyklus, der ursprünglich die gesamte Wandfläche des Kirchenraumes bedeckt hatte, konnten stilgeschichtlich in das späte 14. Jahrhundert datiert werden. Sie zählen somit zu den ältesten und bedeutendsten Zeugnissen monumentaler Wandgemälde in der Mark Brandenburg. (8) Die zwischenzeitlich verbauten und weiß übertünchten Malereien wurden 1893 wiederentdeckt und 1905-06 freigelegt und ergänzt. Aufgrund unsachgemäßer Behandlung sind sie heute nur noch schwach erkennbar. (9) Die Darstellung der Heiligen Anna gab immer wieder Anlass zu Spekulationen über die Funktion der Kirche als Wallfahrtsort, die jedoch bisher nicht belegt werden konnten. (10)

Weitere wertvolle Ausstattungsstücke sind die erhaltenen elf der ursprünglich 15 Heiligenfiguren in einem nachgebildeten Schrein an der Nordwand der Kirche, die von einem Schnitzaltar aus dem frühen 16. Jahrhundert stammen (11), ferner der gemauerte Altartisch aus dem 15. Jahrhundert, die hölzerne Kanzel von 1679 sowie drei Sandsteingrabplatten der Familie von Willmerstorff aus den Jahren 1711-20. Das Altargemälde, ein Kreuzigungsbild, das dem Meister des Berliner Totentanzes zugeschrieben und auf etwa 1490 datiert wird, stammt aus der Berliner Klosterkirche und kam erst 1984 in die St.-Annen-Kirche. 1905-06 wurden die beiden schmiedeeisernen Leuchter und die Kirchenbänke eingebaut, 1937-38 die Orgel erneuert. Die eiserne Kreuzigungsplastik über dem Südportal, 1963 von Bernhard Heiliger geschaffen, soll an die Rolle der Dahlemer Gemeinde als Zentrum der Bekennenden Kirche und des kirchlichen Widerstandes in der Zeit des Nationalsozialismus erinnern. (12)

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(1) BusB VI, S. 7 f. u. 341; Cante 1987, Bd. 2, S. 39-49.

(2) Großpietsch, Reinhard Max: Die Baugeschichte der St.-Annen-Kirche. In: Dahlem - St. Annen 1989, S. 25-27.

(3) Datierung durch dendrochronologische Untersuchungen an den Dachstühlen des Chores und des Langhauses (Gutachten B. Heußner, Petershagen, i.A. des Landesdenkmalamtes Berlin 1995).

(4) Schumann, Dirk: Bauhistorisches Kurzgutachten zur Bauzeit der drei westlichen Gewölbejoche in der Dorfkirche Berlin-Dahlem, 2004; ders.: Die Dorfkirche in Berlin-Dahlem - eine Annenwallfahrtskapelle?. In: Offene Kirchen 2005, hrsg. v. Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, Berlin 2005, S. 26-29. Bis dato war in der Literatur die Einwölbung des Langhauses in die 1670er Jahre datiert worden.

(5) Gutachten B. Heußner, Petershagen, i.A. des Landesdenkmalamtes Berlin 1995. Bei Bau- und Restaurierungsarbeiten 1905-06, als das Innere der Kirche erneuert und das westliche Portal in der Südfassade zugemauert wurde, erhielt der Gruftanbau eine Außentür und wird seitdem als Sakristei genutzt. Vgl. Dihm, Ludwig: Die Erneuerungsarbeiten an der St. Annenkirche in Dahlem bei Berlin. In: Zentralblatt der Bauverwaltung 27 (1907), S. 173-175.

(6) Der Turm der St.-Annen-Kirche hatte in der Zeit von 1832 bis 1849 als Station der optischen Telegrafenlinie Berlin-Koblenz gedient. Vgl. Schütze, Karl-Robert: Die königlich Preußische Telegraphen Inspectoren Station No. 2. In: Dahlem - St. Annen 1989, S. 96.

(7) Initialen: Cuno Hans von Willmerstorff. Das Original ist erhalten und wird in der Kirche verwahrt.

(8) Elbern, Victor H.: Über die mittelalterlichen Wandmalereien in der Dahlemer St.-Annen-Kirche. In: Dahlem - St. Annen 1989, S. 29-45.

(9) 1936-39 von den Übermalungen befreit, 1940 zum Schutz vermauert, 1951-52 gereinigt, 1973-74 restauriert.

(10) Schumann, Dirk: Die Dorfkirche in Berlin-Dahlem - eine Annenwallfahrtskapelle? In: Offene Kirchen 2005, hrsg. v. Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, Berlin 2005, S. 26-29.

(11) Großpietsch, Reinhard Max: Der Schnitzaltar der St.-Annen-Kirche. In: Dahlem - St. Annen 1989, S. 47-49.

(12) Herz, Gundolf: Die St.-Annen-Kirche in Berlin-Dahlem, DKV-Kunstführer Nr. 376/0, München-Berlin o.J., S. 11 f.

Literatur:
  • Kaak, Heinrich/ Die Kirchengemeinde Dahlem in
    G()eschichtslandschaft, Zehlendorf, 1992 / Seite 141-159
  • Topographie Dahlem, 2011 / Seite 80
  • Die Baugeschichte der St. Annen Kirche in
    ...()aus Dahlem - St. Annen, Zeiten eines Dorfes und seine Kirche, Domäne Dahlem Berlin 1989 / Seite 9
  • Schumann, Dirk/ Die Dorfkirche in Berlin-Dahlem - eine Annenwallfahrtskapelle? in
    Offene Kirchen 2005 / Seite 26-29
  • Schumann, Dirk/ Bauhistorisches Kurzgutachten zur Bauzeit der drei westlichen Gewölbejoche in der Dorfkirche Berlin . Stand August 2004