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Gertrauden-Lyzeum

Obj.-Dok.-Nr.: 09075356
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf
Ortsteil: Dahlem
Strasse: Im Gehege
Hausnummer: 6 & 8
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Schule
Datierung: 1910-1911
Umbau: 1916-1920
Entwurf: Schweitzer, Heinrich (Architekt)
Ausführung: Joseph Fraenkel (Baugeschäft)
Bauherr: Königliche Kommission zur Aufteilung der Domäne Dahlem

Das eindrucksvolle Gebäude des Lyzeums der Gemeinde Dahlem, Im Gehege 6/8, die spätere Gertraudenschule und die heutige Alfred-Wegener-Oberschule wurde 1910-11 als erste öffentliche höhere Mädchenschule Dahlems (1) nach Entwurf von Heinrich Schweitzer errichtet und 1916-20 erweitert. Den Namen des Berliner Polarforschers Alfred Wegener trägt die Schule seit 1967. (2)

Schweitzer entwarf im Auftrag der Dahlemer Aufteilungskommission (3) das Schulgebäude als eine aus zwei winkelförmigen Baukörpern zusammengesetzte Anlage. 1910 wurde zunächst nur der südliche Teil mit Haupteingang, Vestibül und Treppenhaus ausgeführt. Die kurz nach der Fertigstellung des Arndt-Gymnasiums für Jungen 1909 gegründete Höhere Mädchenschule konnte den Neubau mit zehn Klassenräumen, jedoch noch ohne Aula und Turnhalle, im Frühjahr 1911 beziehen. Mit der Erweiterung war Schweitzer seit 1913 befasst, konnte sie jedoch wegen des Ersten Weltkrieges erst ab 1916 nach und nach realisieren. Bei der Einweihungsfeier am 22. September 1922 war die Schule in ihrer heutigen Form als lang gestreckter Baukörper zum Platz und mit zwei rückwärtigen Flügelbauten, die durch einen offenen Arkadengang verbunden sind, fertig gestellt. Nach Beschlagnahmung zuerst durch sowjetische und dann durch amerikanische Truppen diente der vom Krieg weitgehend verschonte Bau 1946-53 als amerikanische Schule. (4)

Der zweigeschossige, hell verputzte Mauerwerksbau mit hohem ausgebautem Mansarddach ist durch Sockel und Traufgesims in grauem Werkstein belebt. Mit seinem reduzierten Fassadenschmuck - in Grau abgesetzte Rahmungen der Fenster, gequaderte Gebäudekanten sowie schmale Gesimse und Putzflächen unterhalb der Fenster, kleine quadratische Reliefs und weiße Sprossenfenster in Rundbogenblenden - vollzieht der Bau die Abkehr vom Historismus. Zwar nimmt der auf die Mittelachse des Platzes bezogene Eingangsrisalit mit säulenflankiertem Rundbogenportal, Ziergiebel und Uhrturm architektonische Motive der Renaissance auf, er vermeidet jedoch konkrete Stilzitate. Damit wird eine zurückhaltend repräsentative Wirkung geschaffen, die sowohl dem für diesen Teil Dahlems geplanten städtischen Charakter als auch dem Geltungsanspruch des aufstrebenden Villenvorortes gerecht wird. Schweitzer verknüpfte die Schule mit der benachbarten, ebenfalls von ihm projektierten und gleichzeitig mit dem zweiten Bauabschnitt der Schule errichteten Reihenhaussiedlung zu einem stadträumlichen Ensemble, dessen Qualität in der Gesamtwirkung von Platzanlage und Architektur liegt. Auch das nahe gelegene Arndt-Gymnasium folgte diesen Vorgaben, es ist in seiner Architektursprache aber strenger als die Mädchenschule mit ihren gefälligeren Formen.

Von der qualitätsvollen bauzeitlichen Ausstattung im Inneren haben sich vor allem im großen Treppenhaus und in der Aula einige Beispiele erhalten. In Vestibül und Treppenhaus zeugen Säulen aus rotem Stuckmarmor, mehrere klassizistische Reliefplatten und Tondi sowie das kunstvoll gestaltete Treppengeländer und ein Majolika-Brunnen mit der Darstellung der Heiligen Gertraud vom Bildungsanspruch des Lyzeums. In der Aula vermitteln die als Flachtonne gewölbte Decke sowie die wandfeste Ausstattung mit holzvertäfelten Wänden, Stützen und einer Empore über dem Eingang eine festliche Atmosphäre. (5)

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(1) Seit 1906-07 gab es in der Podbielskiallee 78 die Luisenstiftung, eine Privatschule für die Ausbildung junger Mädchen als Erzieherinnen und Lehrerinnen.

(2) Alfred Wegener (1880-1930), Geophysiker und Meteorologe, nahm an mehreren Expeditionen zum Inlandeis Grönlands teil, wo er zuletzt beim Rückmarsch starb. Er begründete die Kontinentalverschiebungstheorie.

(3) Die Gertraudenschule war wie das Arndt-Gymnasium rechtlich "domänenfiskalisch" und unterstand dem Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten. Vgl. Engel 1984, S. 57.

(4) BusB V C, S. 397; 75 Jahre Alfred-Wegener-Oberschule, Festschrift 1986.

(5) Architektonische Rundschau 28 (1912), Tafel 135-136.

Literatur:
  • Topographie Dahlem, 2011 / Seite 205