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Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Harnack-Haus

Obj.-Dok.-Nr.: 09075349
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf
Ortsteil: Dahlem
Strasse: Ihnestraße
Hausnummer: 16 & 18 & 20
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Vereinshaus & Saalbau
Datierung: 1928-1929
Entwurf: Sattler, Carl (Architekt)
Ausführung: Otto Laternser (Baugeschäft)
Ausführung: Ernst Gerhardt (Baufirma)
Bauherr: Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften

Zwischen Van´t-Hoff-Straße und Harnackstraße dominiert die breite Front des Harnack-Hauses, Ihnestraße 16/20, den Straßenraum. (1) An wohl keinem anderen Gebäude haftet mehr der "Dahlem-Mythos als Mekka für Forscher aus aller Welt." (2) Nobelpreisträger und ihre Schüler kamen hier zur wissenschaftlichen Diskussion zusammen. Berühmte Forscher wie Albert Einstein, Werner Heisenberg, Fritz Haber, Adolf Butenandt, Otto Hahn, Lise Meitner, Max von Laue oder Otto Warburg waren hier zur Gast und hielten ihre Vorträge. Dieses Club- und Gästehaus der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften entstand 1928-29 auf einem großen Gartengrundstück nach Plänen von Carl Sattler. (3) Es trägt den Namen des ersten Präsidenten der KWG, des evangelischen Theologen Adolf von Harnack, der den Bau initiierte, um der Isolation der deutschen Wissenschaftler nach dem Ersten Weltkrieg durch ein "Auslandsinstitut", einer Gastforschungsstätte vor allem für ausländische Gelehrte, entgegenzuwirken. (4) Eine von den Amerikanern angebrachte Gedenktafel am Haupteingang erinnert an Harnacks Bestreben nach wissenschaftlicher internationaler Zusammenarbeit. Die amerikanischen Streitkräfte hatten das Haus im Juli 1945 konfisziert und zu ihrem Offizierskasino ausgebaut.

Das Harnack-Haus war darüber hinaus als gesellschaftlicher Mittelpunkt für die Mitarbeiter der angrenzenden KWG-Institute und als Ort des wissenschaftlichen Austausches konzipiert. Es verfügte über großzügige Fest- und Hörsäle, eine Bibliothek und Tagungsräume, mehrere Restaurants, und vor allem Einzelzimmer und Appartements in den oberen Etagen zur Unterbringung der Gastgelehrten des In- und Auslandes. Den Gästen standen im belichteten Sockelgeschoss Speisesäle, ein Turnsaal und Bäder, im Erdgeschoss repräsentative Clubräume sowie ein großer Garten mit Tennisplätzen zur Erholung und Entspannung zur Verfügung. Zur Finanzierung des Hauses hatten Wissenschaftler, Industrielle und Verbände Patenschaften für einzelne Räume übernommen, wobei die Paten diese Räume auch gestalten konnten. So spendete unter anderem der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund ein "Carl-Legien-Zimmer" und die Vereinigten Stahlwerke eine "Bismarckhalle". Da die nahen Kaiser-Wilhelm-Institute als reine Forschungs- und nicht als Lehrstätten erbaut worden waren, bestand zudem ein Mangel an Hörsälen und repräsentativen Räumlichkeiten für Kongresse und Festveranstaltungen. Den Hörsaalnotstand beseitigte ein eigenständiger Hörsaaltrakt mit überdachter Vorfahrt an der Einmündung der Harnackstraße. Dort weist am Portal die Inschrift "Hörsaal der K.W.G" auf die Bestimmung des Hauses hin. Noch bis in die Kriegsjahre hinein fanden hier Vorträge - wie im Rahmen der "Dahlem-Colloquien" - und besondere kulturelle Veranstaltungen statt.

Carl Sattler sah es als Aufgabe, "ein möglichst schlichtes Haus (...) ohne Prunk und Luxus an Material" (5) zu errichten, wie er selbst ausführte und was sicherlich auch im Sinne des konservativ eingestellten Bauherrn war. Er schuf ein traditionelles und solides Gebäude mit expressionistischen Anklängen wie den gotisierenden Klinkerlisenen am Hörsaalgebäude, das mit hohem Walmdach und ehemals rötlichem Putz sich in den Villenvorort einzuordnen sucht. Auch harmoniert der Baukomplex dergestalt gut mit den ebenfalls von Sattler entworfenen beiderseits angrenzenden Gebäuden, dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie (1927) und - über die Van´t-Hoff-Straße hinweg - der Villa Glum (1926). Sattler verstand es, die voluminöse Baumasse durch die Verteilung der Räume auf mehrere Baukörper aufzulösen, zumal die Zehlendorfer Baubeschränkungen nur eine zweigeschossige Bauweise zuließen. Es entstand eine geschickt gruppierte, weitläufige Anlage mit einem Haupthaus und einem Hörsaaltrakt, der über einen ehemals schmalen Wandelgang angebunden war. Der kurvige Verlauf des Ganges setzt sich in der Front des Hörsaalgebäudes fort - er sollte nach einer nicht ausgeführten Planung in einem weiteren Bogengang zu einem Gästehaus an der Harnackstraße weiterführen.

Seit den einschneidenden Umbauten durch die Amerikanische Militärverwaltung 1946 und 1953 zu einem Offizierskasino, anfangs geleitet vom Architekten Eckart Muthesius, hat sich allerdings das Aussehen des Bauensembles erheblich verändert. Der Verbindungsgang zum Hörsaalgebäude wurde auf beiden Seiten erweitert und aufgestockt, wodurch eine durchgehende Fassade entstand. Zusätzlich überbaute man die breite Gartenterrasse am Haupthaus. Der ganze Komplex wirkt seitdem kompakter. Auch von der inneren Ausstattung ging durch die häufigen Nutzungsanpassungen Vieles verloren. Nach dem Abzug der Amerikanischen Truppen aus Berlin kam es 1994 zu einer Rückübertragung an die Max-Planck-Gesellschaft, der Nachfolgerin der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die das Haus ab 1995 durch den Architekten Jürgen Sawade umbauen und sanieren ließ, wobei die "Bismarckhalle" rekonstruiert werden konnte. (6) Heute dient das Harnack-Haus wieder als Begegnungsstätte und Zentrum wissenschaftlicher Zusammenarbeit.

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(1) Das Harnack-Haus der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, Berlin-Dahlem, erbaut von Prof. Carl Sattler, zur Eröffnung am 7. Mai 1929, Berlin 1929; Breuer, Robert: Das Harnack-Haus. In: Das Kunstblatt 6 (1929), S. 184; Zentralblatt der Bauverwaltung 50 (1929), S. 156 (Bildnachrichten); Das Harnack-Haus in Berlin. In: Bauwelt 20 (1929), S. 156; Hegemann, Werner: Carl Sattler´s Harnack-Haus. In: Wasmuths Monatshefte für Baukunst 13 (1929), S. 505 f.; Engel 1984, S. 248 f.; Henning/Kazemi 1993, S. 43-49; Gill/Klenke 1993, S. 58-61; Henning, Eckart: Das Harnack-Haus in Berlin-Dahlem. In: Max-Planck-Gesellschaft, Berichte und Mitteilungen 1996, H. 2, S. 7-184; BusB V B, S. 210 f., 309 f.; Scherer 2007, Bd. 1, S. 222 f., Abb. 90-93; Bd. 2, Obj. 204, S. 287-292.

(2) Henning, Eckart: Das Harnack-Haus in Berlin-Dahlem. In: Max-Planck-Gesellschaft, Berichte und Mitteilungen 1996, H. 2, S. 7.

(3) Die Bauausführung hatte das Zehlendorfer Baugeschäft Otto Laternser übernommen. Die Firma führte in Zusammenarbeit mit Carl Sattler fast alle Neubauten die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in den 1920/-30er Jahren aus.

(4) BusB V B, S. 210.

(5) Carl Sattler anlässlich einer Besichtigung von Pressevertretern am 4. Mai 1929. Zit. nach: Henning, Eckart: Das Harnack-Haus in Berlin-Dahlem. In: Max-Planck-Gesellschaft, Berichte und Mitteilungen 1996, H. 2, S. 8.

(6) Umbau und Sanierung des Harnack-Hauses, Berlin-Dahlem. In: Braun 1999, S. 66-69. Ein von Jürgen Sawade geplantes Gästehaus, an der Stelle, wo bereits Carl Sattler hinter dem Hörsaaltrakt einen solchen Bau vorsah, kam nicht zur Ausführung. Als "Bordinghouse" dient heute der Max-Planck-Gesellschaft das vis-a-vis (Ihnestraße 19) von den Amerikanern errichtete Gästehaus.

Literatur:
  • N.N./ Das Harnack-Haus in Berlin in
    Bauwelt 20 (1929) / Seite 156
  • Topographie Dahlem, 2011 / Seite 167
  • W.H./ Carl Sattlers Harnack-Haus in
    Wasmuths Monatshefte für Baukunst 13 (1929) / Seite 505-506
  • Zentralblatt der Bauverwaltung 50 (1930) / Seite 60