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U-Bahnhof Thielplatz mit nördlichem Empfangsgebäude, Vorplatz und Brücke

Obj.-Dok.-Nr.: 09075315
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf
Ortsteil: Dahlem
Strasse: Brümmerstraße & Löhleinstraße
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Bahnhof (U) & Platzanlage & Empfangsgebäude
Datierung: 1912-1913
Entwurf: Straumer, Heinrich (Architekt)
Bauherr: Königliche Kommission zur Aufteilung der Domäne Dahlem

Der 1913 eröffnete zwischen Löhleinstraße und Brümmerstraße gelegene U-Bahnhof Thielplatz gehört zur U-Bahntrasse der heutigen Linie U3. Sie wurde 1909-13 vom Wittenbergplatz bis nach Dahlem zur Anbindung der neuen Villenviertel und der wissenschaftlichen Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft sowie des Preußischen Staates erbaut. Gemäß dem Bestreben der Aufteilungskommission, auf dem Domänengebiet eine vornehme Villenkolonie zu entwickeln, suchte man den einzelnen Stationen eine individuelle architektonische Prägung zu geben. Daher wurden verschiedene renommierte Privatarchitekten mit Entwürfen für die Bahnhöfe betraut.

Heinrich Straumer, einer der Hauptexponenten des modernen Landhausbaues in Deutschland, erhielt den Auftrag für das Empfangsgebäude am Ostende des Bahnhofs Thielplatz und blieb auch bei der Bauaufgabe U-Bahnstation seinem Landhausstil treu. (1) Er verband hier traditionelle Elemente - vor allem die des niederdeutschen Hauses - mit Motiven des englischen Landhauses. So kennzeichnen den auf die Brücke gestellten Eingangspavillon ein hohes abgeschlepptes Walmdach, bündig sitzende Sprossenfenster, die sich, weiß gestrichen, wirkungsvoll vor dem Rot der Backsteinfronten abheben, sowie ein mit Fischgrät-Ziegelmuster gestalteter Mittelgiebel. Alle diese anheimelnden Attribute verbindet man eher mit einem bürgerlichen Landhaus als mit einer Station für das damals modernste großstädtische Nahverkehrsmittel. Auch die abgewinkelten Gebäudeflügel, die den Fahrgast empfangen und zur Bahnsteigtreppe geleiten, erinnern an das bekannte Haus Freudenberg von Hermann Muthesius, das dieser 1907-08 in Berlin-Nikolassee realisiert hatte. (2) Lediglich die schmiedeeiserne Uhr im Giebel über dem breiten Rundbogenportal lässt etwas von der Funktion des Gebäudes erahnen.

Nach Durchschreiten der heute nicht mehr genutzten Schalterhalle, deren rotbraun-schwarze Keramikverkleidung mit Reliefplatten des Bildhauers Richard Kuöhl (3) geschmückt ist - sie zeigen Puppen-, Pflanzen- und Tierdarstellungen, gelangt man über eine Treppenanlage zum Mittelbahnsteig. Hier überrascht eine moderne funktionelle Ausstattung, die 1913 dem modernsten Stand der Technik entsprach. Eine mittige einstielige, stählerne Sützenreihe, die ein barrierefreies Ein- und Aussteigen ermöglicht, trägt das schmetterlingsförmige Bahnsteigdach. Vollwandige genietete Stützen in Y-Form tragen das nach innen geneigte Perrondach. Bei der Verlängerung der Bahnsteigüberdachung für einen neuen zweiten Eingang am westlichen Ende wählte man geschweißte moderne Stahlstützen. Zum Bauauftrag Straumers gehörte auch die Gestaltung der Straßenbrücke am Bahnhof, über die ehemals die Straße Im Schwarzen Grund führte. Ihre breiten, schmucklosen, ziegelverblendeten Widerlager harmonisieren ausgezeichnet mit der roten Ziegelfront des Eingangsgebäudes.In den Jahren 1978-81 entstand das neue Eingangsgebäude im westlichen Ende des Bahnhofs, das näher zu den Einrichtungen der Freien Universität (FU) und der Max-Planck-Gesellschaft liegt. Der neue Eingangspavillon ist eine Kopie des von Heinrich Straumer entworfenen Empfangsgebäudes am Ostende des Bahnsteigs.

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(1) Stahl, Fritz: Heinrich Straumer (= Neue Werkunst), Berlin-Leipzig-Wien 1927, S. 11; BusB X B (1), S. 124, 54-56, Abb. 114-117 (dort weitere Literaturangaben); Bohle-Heintzenberg 1980, S. 134-136; Wörner/Mollenschott/Hüter 1997, S. 427; Stubert 1995, Bd. 2/3, Obj. 47.

(2) Berlin-Nikolassee, Potsdamer Chaussee 48. Vgl. BusB IV C, Obj. 1691. Noch eher scheint das englische Landhaus "The Barn", Architekt Edward Prior, Straumer als Vorbild gedient zu haben, an dem sich wohl bereits Hermann Muthesius beim Haus Freudenberg orientierte. So ist bei "The Barn" ähnlich wie beim Bahnhof Thielplatz der mittige Giebel von abgeschleppten Dachflächen unterschnitten. Vgl. Posener 1979, S. 32, 142 ff.

(3) Richard Emil Kuöhl (1880-1961) ist vor allem durch sein reiches architekturplastisches Werk bekannt, das ab 1912 in Hamburg entstand (u.a. Davidwache, Chilehaus). Zu Kuöhl: Architekturplastik, Bildhauer Richard Kuöhl, Berlin 1998 (Nachdruck der Ausgabe in der Reihe Neue Werkkunst von 1929).

Literatur:
  • Topographie Dahlem, 2011 / Seite 142