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Siedlung Am Schlachtensee 94 & 96 & 98 & 100 & 102 & 104 & 106 & 108 & 110 & 112 & 114 & 116 & 118 & 120 & 120A & 120B & 120C & 122 & 122A &122B & 122C Marinesteig 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 8 & 9 & 10 & 11 & 12 & 13 & 14 & 15 & 16 & 17 & 18 & 20 & 21 & 22 & 24 & 26 & 32 & 34 & 35 & 36 & 37 & 38 & 39 & 40 & 41 & 42 & 43 & 44 & 46

Obj.-Dok.-Nr.: 09075216
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf
Ortsteil: Nikolassee
Strasse: Am Schlachtensee
Hausnummer: 94 & 96 & 98 & 100 & 102 & 104 & 106 & 108 & 110 & 112 & 114 & 116 & 118 & 120 & 120A & 120B & 120C & 122 & 122A &122B & 122C
Strasse: Marinesteig
Hausnummer: 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 8 & 9 & 10 & 11 & 12 & 13 & 14 & 15 & 16 & 17 & 18 & 20 & 21 & 22 & 24 & 26 & 32 & 34 & 35 & 36 & 37 & 38 & 39 & 40 & 41 & 42 & 43 & 44 & 46
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Siedlung
Entwurf: 1938
Datierung: 1939-1941
Entwurf: Kühn, Rudolf (Architekt)
Entwurf: Fritsche, Gerhard (Architekt)
Ausführung: Adrian (Bauunternehmer)
Bauherr: Gemeinnützige Gesellschaft mbH zur Schaffung von Wohngelegenheiten für Reichsangehörige

[...] Wohnsiedlung für Marineangehörige, Am Schlachtensee 94/122C, Marinesteig, die als Wohnanlage für Angehörige der Reichsmarine 1939-41 nach Plänen von Rudolf Kühn oberhalb des Seeufers entstand. (1) Bauherrin der 95 Wohneinheiten war die Gemeinnützige Gesellschaft mbH zur Schaffung von Wohngelegenheiten für Reichsangehörige, die sich auf den Bau von Wohnungen und Eigenheimen für die Reichsmarine spezialisiert hatte. Die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 und die kriegsvorbereitende Aufrüstung führte zu einer Zentralisierung der übergeordneten Organe der Wehrmacht in Berlin und als Folge zu einer Fülle von Neubauten. Für die in der Reichshauptstadt stationierten Offiziere und Unteroffiziere fehlte es an Wohnraum. Dieser konnte hier am Schlachtensee zum Teil geschaffen werden. Bis Kriegsende wohnten in der Siedlung fast ausschließlich Kapitäne und Stabsbeamte der Wehrmacht. (2)

Im Kriegsjahr 1939 trotz der allgemeinen Baustoffkontingentierung begonnen und erst 1941 beendet, verdeutlicht die Marinesiedlung die Sonderstellung, die die Bauten der Wehrmacht unter dem Nazi-Regime einnahmen. Nicht der soziale Wohnungsbau für die breiten Schichten des Volkes war nunmehr die zentrale Aufgabe, sondern die Wohnungsfürsorge für Angehörige der staatstragenden Organe stand im Vordergrund. Dies zeigt sich nicht nur am städtebaulichen Konzept, das von dem im Siedlungsbau erfahrenen Architekten Rudolf Kühn (3) stammt, sondern auch an der Größe und Ausstattung der bis zu sechseinhalb Zimmer großen Wohnungen und Reihenhäuser, die erheblich vom damals üblichen Standard im Wohnungsbau abwichen. (4)

Locker und mit weiten Abständen verteilen sich mehrheitlich nord-süd-gerichtete Zeilen und Hausgruppen über das weitläufige Siedlungsareal, das einen Teil des Höhenrückens am Seeufer einnimmt. Während sich längs der Nordseite des Marinesteigs die Doppelwohnhäuser mit ihren Gärten zum Schlachtensee aufreihen, formen daneben für die NS-Zeit typische kurze Wohnblöcke, die sowohl Mietwohnungen als auch Einfamilienhäuser aufnehmen, überschaubare Gartenhöfe. Sie sind an der Straße Am Schlachtensee bei den Mehrfamilienhäusern mit Pergolen abgeschlossen, sodass sich geschützte Binnenräume bilden, die wohl auch für einen gewissen soldatischen Gemeinschaftsgeist sorgen sollten. Die offene Bauweise, die fließenden Grünräume, die Durch- und Einblicke lassen bereits Merkmale des Städtebaus der 1950er Jahre erkennen - überwunden ist die beschauliche Gartenstadtidylle und der sentimental-romantische Städtebau vieler Siedlungen der frühen 1920er Jahre. Dafür fußt die einheitliche Architektur der durchweg zweigeschossigen Putzbauten noch auf dem konservativen Bauen dieser Jahre. Mit Walmdächern, Rauputz, Bruchsteinverkleidungen, Klappläden und hölzernen Eingangspergolen entsprechen die Siedlungshäuser der heimatverbundenen Architekturauffassung, wie sie im "Dritten Reich" für den Wohnungsbau verbindlich war. "Moderner" wirken allerdings die großen sprossenlosen Fenster, die viel Licht ins Innere der Häuser lassen und die zur Überbrückung der Wandöffnungen das eigentlich kontingentierte Eisen benötigten. Sie sind ebenso wie die Hauslauben und der separate Garagenhof ein weiteres Zeichen für die herausragende Stellung der Wehrmachtsbauten. Weit oberhalb des Schlachtensees gelegen, hat die Marinesiedlung keinen direkten städtebaulichen Bezug zum landschaftlich reizvollen Seegelände. Über eine steinerne Treppenanlage können die Anwohner allerdings den Uferweg erreichen.


1) 30 Jahre Gemeinnützige Deutsche Wohnungsbaugesellschaft mbH, Organ der staatlichen Wohnungspolitik, Früher Gemeinnützige Gesellschaft mbH zur Schaffung von Wohngelegenheiten für Reichsangehörige, 1923-1953, Berlin 1953; BusB IV A 1970, S. 140, 189, Abb. 217, 319; BusB IV B 1974, S. 448, Obj. 994; Schäche, Wolfgang: Architektur und Städtebau in Berlin, Zwischen 1933 und 1945, Berlin 1991, S. 479 f.

2) Die Gesellschaft war 1923 vom Deutschen Reich zur Errichtung von preiswerten familiengerechten Wohnungen für Angestellte und Beamte der Reichsbehörden gegründet worden. Ihre Aufgabe war die Errichtung von Wohnstätten für Angehörige der Reichsmarine, vor allem in den Hafenstädten und küstennahen Räumen der Ost- und Nordsee.

3) Der in "Berlin und seine Bauten" angegebene Architektenname Erich Kühn ist nicht korrekt. Konzipiert wurde die Marinesiedlung vom sächsischen Architekten und Städtebauer Dr. Rudolf Kühn (1886-1950), ehemals Stadtbaurat in Altenburg und Forst. Mitarbeiter am Projekt Marinesiedlung war Gerhard Fritsche, der in der Berliner Nachkriegszeit als Kinoarchitekt bekannt wurde (u.a. Zoo-Palast von 1957). Zum Oeuvre von R. Kühn gehören neben einer Vielzahl von öffentlichen Bauten auch zahlreiche Wohnungs- und Siedlungsbauten in Forst. Vgl. Thieme-Becker Bd. 22, S. 60.

4) Von den 95 Wohnungen haben nur zwölf dreieinhalb Zimmer; die übrigen Wohnungen sind größer. Im Gegensatz dazu führten im allgemeinen Wohnungsbau die Zurückführung der öffentlichen Mittel und neue Verordnungen zum Bau von so genannten Volkswohnungen, Kleinstwohnungen mit einem minimierten Standard.

Literatur:
  • BusB IV A 1970 / Seite S. 319, Obj. 167, S. 189
  • BusB IV B 1974 / Seite S. 448