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Dorfkirche Tempelhof

Obj.-Dok.-Nr.: 09055113
Bezirk: Tempelhof-Schöneberg
Ortsteil: Tempelhof
Strasse: Parkstraße
Hausnummer: 5
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Kirche ev. & Dorfkirche
Datierung: 1276/1300 & 1953-1954
Entwurf: Konwiarz, Wolfram

Die Dorfkirche Tempelhof, Parkstraße 5, steht außerhalb des Dorfangers, denn sie war die Ordenskirche der Komturei Tempelhof. (1) Dort, wo heute die Kirche zu sehen ist, gründeten die Templer im frühen 13. Jahrhundert ihre Ordensniederlassung. Der Komturhof stand westlich der Kirche. Bei Ausgrabungen 1952 konnte nachgewiesen werden, dass die Dorfkirche einen durch Brand zerstörten Vorgängerbau besaß, der vermutlich um oder nach 1200 entstanden ist. Das heutige Bauwerk, eine aus sauber behauenen Feldsteinen gefügte Apsissaalkirche, wurde wahrscheinlich im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts errichtet. An den innen flach gedeckten Rechtecksaal schließt sich die gewölbte Apsis an, während ein eigenständiger Westturm fehlt. Die außergewöhnliche Größe des Kirchenraums ist durch die Nutzung als Komtureikirche zu erklären. An den Längswänden waren kleine romanische Fenster ausgebildet. Das mittlere Schlitzfenster der Apsis erinnert noch an die ursprüngliche Fenstergestaltung. Das Außenmauerwerk wurde im Lauf der Jahrhunderte in weiten Teilen erneuert. 1751 erhielt die Dorfkirche einen über dem Westgiebel angeordneten Turm mit barocker Haube. Erhebliche Eingriffe brachte der 1847-48 ausgeführte Umbau. An die Stelle der kleinen romanischen Fenster traten größere Fensteröffnungen, in die Apsis wurde das noch heute vorhandene Rundfenster eingebrochen. Bei Bombenangriffen 1943 und 1944 brannte die Dorfkirche aus, sodass nach Kriegsende nur noch die Umfassungsmauern standen. Das heutige Erscheinungsbild ist das Ergebnis des Wiederaufbaus, der 1954-56 unter Leitung von Wolfram Konwiarz, einem Mitarbeiter des Landeskonservators, durchgeführt wurde. Konwiarz lehnte eine Rekonstruktion des alten Zustands ab. Angestrebt wurde eine zeitgemäße, dem romanischen Bauwerk angemessene Gestaltung. Die übermäßig großen Fenster wurden verkleinert, das Kirchenschiff erhielt eine romanisch anmutende Holzbalkendecke mit sichtbaren, naturbelassenen Balken. Die neue Westempore liegt auf wuchtigen, raumhoch geführten Holzstützen, die auch die Turmlast abfangen. An die Stelle der zerstörten barocken Haube trat ein schlichter Fachwerkturm mit Zeltdach, der nach dem Vorbild märkischer Fachwerkkirchen gestaltet ist. An der Südseite fügte Konwiarz eine kleine, aus Feldsteinen gemauerte Sakristei an. Die Rundbogenpforten an Nord- und Südseite wurden vermauert. Die wieder aufgebaute Dorfkirche verkörpert eine weitverbreitete architektonische Haltung der Nachkriegszeit, die schöpferische, handwerklich gebundene Hinwendung zu traditionellen Formen.

Der Innenraum wirkt schlicht und einfach. Der Altarraum ist mit vier Buntglasfenstern von Paul Ohnesorge verziert. Die 1956 angefertigten Fenster zeigen den erhöhten Christus, umgeben von symbolischen Darstellungen der Wortverkündigung, der Taufe und des Abendmahls. Der alte Taufstein befindet sich im Märkischen Museum. Das wichtigste Ausstattungsstück ist der Katharinenaltar, den Katharina, Gemahlin des Kurfürsten Joachim Friedrich von Brandenburg, 1602 der Dorfkirche schenkte. Es handelt sich um eine 1596 von Daniel Fritsch angefertigte Kopie des Katharinenaltars von Lucas Cranach. (2) Auf der Mitteltafel ist das Martyrium der hl. Katharina von Alexandrien dargestellt, die Seitentafeln zeigen die heiligen Jungfrauen Dorothea, Agnes, Kunigunde, Barbara, Ursula und Margarete. Bei geschlossenen Flügeln sind Genoveva, Appolonia, Christiana und Ottilie zu sehen. Die Gemälde an den Seitenwänden (Opferung Isaaks, Bund Noahs mit Gott nach der Sintflut, Durchzug der Israeliten durch das Rote Meer, Traum Jakobs) stammen aus der 1905 profanierten Heilig-Geist-Kapelle in Berlin-Mitte. Die teils vor 1600, teils 1646 gemalten Holztafelbilder waren an der Emporenbrüstung angebracht. (3) Weitere Bilder aus der Heilig-Geist-Kapelle befinden sich in der Dorfkirche Mariendorf und in der Dorfkirche Zehlendorf.


(1) Brecht 1878, S. 134-143; Bergau 1885, S. 750-752; Die Dorfkirche in Tempelhof. Gestern - heute - morgen. Ein Beitrag zum Wiederaufbau eines mittelalterlichen Baudenkmals in Berlin, Berlin 1951; Heinrich 1954; Schultze 1954; Pomplun 1960, S. 168, 169, 180; Pomplun 1962, S. 68-70; v. Müller 1968, S. 91; Kühne/Stephani 1978, S. 246-247; v. Müller 1981, S. 314-316; Pomplun 1984, S. 94-96; Hoffmann-Tauschwitz 1986, S. 48-54; Hoffmann-Tauschwitz 1987, S. 30; Cante 1987, S. 196-206; Tempelhof und seine Dorfauen 1987, S. 28-30; Petras 1988, S. 72-73; BusB VI, S. 335; Dehio Berlin 2000, S. 408; Wollmann-Fiedler/Feustel 2001, S. 128-131; Goetz/Hoffmann-Tauschwitz 2003, S. 301-303.

(2) Der Katharinenaltar wurde 1506 von Lucas Cranach gemalt. Die Mitteltafel mit dem Martyrium der hl. Katharina befindet sich heute in der Gemäldegalerie Alter Meister in Dresden. Eine zweite Kopie hängt im Gotischen Haus in Wörlitz.

(3) Die Heilig-Geist-Kirche wurde 1905-06 zur Aula der Handelshochschule umgebaut. Dabei wurde die alte Empore beseitigt.

Literatur:
  • Topographie Tempelhof, 2007 / Seite 114ff.