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Gaswerk Mariendorf

Obj.-Dok.-Nr.: 09055081
Bezirk: Tempelhof-Schöneberg
Ortsteil: Mariendorf
Strasse: Lankwitzer Straße
Hausnummer: 45 & 46 & 47 & 48 & 49 & 57
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Gaswerk & Wasserturm
Datierung: 1900-1907
Umbau: 1908-1912 & 1952-1957 & nach 1967
Entwurf: Karchow, Paul (Architekt)
Entwurf: Bernhard, Karl
Entwurf: Schulz und Schlichting (Architektensozietät)
Bauherr: Imperial Continental Gas Association (ICGA) (Gaswerksbetreiber- und eigentümergesellschaft)

Die Imperial Continental Gas Association (ICGA), die 1826 in Berlin die Gasbeleuchtung eingeführt hatte, erwarb 1899 ein Gelände zwischen Teltowkanal, Berlin-Dresdener Eisenbahn, Lankwitzer Straße und Ringstraße, um ein großes Gaswerk zu errichten, denn die Gemeinden südlich von Berlin hatten sich vertraglich verpflichtet, ihr Gas von der ICGA zu beziehen. Mariendorf lag in der Mitte des weiträumigen Absatzgebiets. Durch den Anschluss an die Berlin-Dresdener Eisenbahn war die Anlieferung der Kohle gesichert. Das 1900-01 erbaute Gaswerk Mariendorf, (1) Lankwitzer Straße 45-57, war zur Bauzeit die größte, modernste und technologisch fortschrittlichste Gasanstalt im Berliner Raum. Die erhaltenen Gebäude demonstrieren anschaulich, wie ein Gaswerk der Jahrhundertwende ausgesehen hat und welche Verfahren und Arbeitsabläufe bei der Herstellung von Stadtgas zum Einsatz kamen. Das technisch ausgereifte Konzept stammt von Edward Drory, dem Direktor des Gaswerks, der durch Mechanisierung und Rationalisierung der Arbeitsschritte die körperlich schwere Arbeit einschränken und eine deutliche Verminderung des Personals erreichen konnte. Als die ICGA den Standort auswählte, stand die Trassenführung des Teltowkanals schon fest. Mit dem 1906 eröffneten Mariendorfer Hafen erhielt das Gaswerk einen direkten Zugang zum märkischen Wasserstraßennetz, was die Anlieferung der Kohle vereinfachte. Als englisches Unternehmen wurde die ICGA nach dem Ersten Weltkrieg liquidiert, das Gaswerk kam 1918 an die Deutsche Gasgesellschaft und 1923 an die Städtische Gaswerke AG (GASAG). In den 1960er und 1970er Jahren errichtete die GASAG auf dem Gelände große Anlagen zur Gasherstellung aus Leichtbenzin und Methanol, sodass die Gaserzeugung auf Kohlebasis an Bedeutung verlor und 1980 ganz aufgegeben wurde. Die Umstellung der Berliner Gasversorgung von Stadtgas auf Erdgas machte das Gaswerk Mariendorf überflüssig. Seit 1996 ist es stillgelegt. Die aus der Nachkriegszeit stammenden Anlagen zur Gaserzeugung auf Kohlenwasserstoffbasis wurden bis 1999 beräumt, während die historischen Gebäude - mit Ausnahme eines Gasbehälters - erhalten blieben.

Um werbend auf die renommierte Gasgesellschaft hinzuweisen, erhielten die Gebäude des Gaswerks eine historisierende, der norddeutschen Backsteingotik frei nachempfundene Gestaltung. Die Entwürfe stammen von der Architektensozietät Schulz & Schlichting. Für die im gleichen Stil ausgeführten Umbauten und Erweiterungen nach 1903 war Paul Karchow verantwortlich. Die roten Backsteinbauten mit Eisensprossenfenstern sind durch Lisenen, Gesimse und Friese gegliedert. Die Giebelseiten betont jeweils ein hoch aufragender, zinnenbekrönter Mittelrisalit, an den sich beiderseits der Dachneigung folgend gestaffelte Blendarkaden anschließen. Die Anordnung der Gebäude auf dem Gelände entspricht den Arbeitsschritten der Gaserzeugung. Der Anlieferungs- und Lagerungszone folgten von Nord nach Süd die Bereiche Fabrikation, Reinigung, Speicherung und Verteilung. Die ausgedehnten Lagerplätze für Kohle südlich des Mariendorfer Hafens werden heute nicht mehr benutzt, außerdem fehlen die Retortenhäuser, in denen die Kohle unter Freisetzung von Rohgas zu Koks verbrannte. Die übrigen Bauten sind jedoch erhalten geblieben.

In den Apparate- und Reinigerhäusern vollzog sich die Reinigung des Rohgases. Im Apparatehaus 1 wurde das Gas nacheinander in den Teerwäscher, den Naphtalinwäscher und den Cyanwäscher gedrückt und dadurch von den Nebenprodukten befreit. Im Apparatehaus 2, erbaut 1901 und erweitert 1906-08, standen Kühler, die das Gas abkühlten, um es durch große Apparate zu leiten, in denen das noch verbliebene Ammoniak entfernt wurde. Nun war das Gas noch von Schwefelwasserstoff zu befreien. Das geschah in den beiden dreischiffigen Reinigerhallen. Im Mittelschiff standen jeweils große gusseiserne Kästen, in denen auf Holzborden Eisenoxidhydrat ausgebreitet war. Die verbrauchte Reinigermasse konnte in den Seitenschiffen ausgebreitet, angefeuchtet und dadurch für den weiteren Gebrauch regeneriert werden. Die Reinigerhalle 1 mit ihrer aus filigranen Eisenbindern bestehenden Dachkonstruktion und der durchgehenden Belüfterhaube wurde 1901 erbaut. Der modernen Industriearchitektur des beginnenden 20. Jahrhunderts ist die Reinigerhalle 2 zuzuordnen, die 1909 von Karl Bernhard, einem bedeutenden Ingenieur dieser Zeit, errichtet wurde. Eine Eisenkonstruktion mit Mauerwerksausfachung umkleidet die dreischiffige Halle. In das Fachwerkraster sind Stahlsprossenfenster eingefügt, während auf eine historisierende Dekoration, wie sie bis dahin üblich war, verzichtet wurde. Dass die Architektur auf Funktionalität ausgerichtet ist, sieht man an der nach außen gelegten, unverhüllten Eisenkonstruktion, die die Giebelseiten gegen Winddruck aussteift. Für einen repräsentativen Anklang sorgt das steile, ziegelgedeckte Walmdach. Neben der Reinigerhalle 1 sind die Versorgungseinrichtungen des Gaswerks angeordnet. Im 1901 erbauten und 1908 aufgestockten Werkstattgebäude waren Schmiede, Schlosserei und Holzbearbeitungswerkstatt untergebracht, der Lokomotivschuppen diente der Reparatur und Wartung der werkseigenen Eisenbahn, das zweigeschossige Bade- und Speisehaus der Handwerker und Arbeiter enthielt Waschraum, Duschen, Ankleideraum sowie im Obergeschoss die Kantine mit dem Speisesaal. (2)

Zur Speicherung der erzeugten Gasmenge bevorzugte die ICGA runde Teleskop-Niederdruck-Gasbehälter, getragen von freistehenden Eisengerüsten, die aus Kostengründen nicht mit Mauerwerk ummantelt wurden. In Berlin sind nur noch zwei Behälter dieser Art erhalten. Der Gasbehälter an der Lankwitzer Straße, der mit einem Inhalt von 108.000 m3 zur Bauzeit als größter Gasspeicher des Kontinents galt, steht seit 1901 in Mariendorf, wurde aber bereits 1892 von der englischen Firma Cutler & Sons für das ICGA-Gaswerk in Wien errichtet. Nachdem die Stadt Wien die Gasversorgung selbst übernommen hatte, ließ die ICGA die Eisenkonstruktion demontieren und nach Mariendorf versetzen. Das tragende Gerüst besteht aus Stahlfachwerkmasten, die durch vier Ringe miteinander verbunden sind, wobei die einzelnen Rahmen eine kreuzweise Verspannung aufweisen. Der Gasbehälter ist seit 1995 stillgelegt, es steht nur noch das Gerüst, während der Deckel und die teleskopierbare Umhüllung des Gasspeichers fehlen. Der zweite Niederdruck-Gasbehälter des Mariendorfer Gaswerks, 1905 erbaut, wurde 1996 abgerissen.

Das Gaswerk verfügte über eine eigene Wasserversorgung. Das Wasser wurde aus Tiefbrunnen gefördert, von Eisen befreit und für Kühlung und Betrieb der technischen Anlagen verwendet. Der burgartige gestaltete alte Wasserturm erinnert an mittelalterliche Stadttürme. Der wehrhaft wirkende Schaft besitzt einen wuchtigen Sockel mit Zinnenkranz, während ein übergiebelter Erker zum auskragenden, von hölzernen Konsolen getragenen Behälterteil überleitet. Der Wasserbehälter verbirgt sich hinter einer Hülle aus backsteingefülltem Eisenfachwerk. Das steile Kegeldach besitzt als Entlüftungshaube eine Laterne. Ganz schmucklos erscheint der neue Wasserturm, den die Bauabteilung der GASAG 1968-69 südlich des alten Wasserturms errichtet hat. Der pilzförmige, in Gleitschalung ausgeführte Betonturm zeigt, dass es gelungen ist, trotz Ausrichtung auf Zweck und Funktion eine ästhetisch ansprechende Form zu finden. Der hohe, äußerst dünne Schaft trägt einen kegelförmig auskragenden Wasserbehälter mit Aussichtsplattform.

Die Ingenieure des Gaswerks wohnten auf dem Gelände. An der Lankwitzer Straße steht das 1900 erbaute Wohn- und Verwaltungsgebäude 1, das von einem kleinen Garten umgeben ist. Der dreigeschossige villenartige Backsteinbau mit Souterrain und ziegelgedecktem Dach wird durch einen Eckturm, mehrere Balkone und gotisierende Giebel gegliedert. Das Gebäude enthielt das Büro des Gaswerks sowie Wohnungen für leitende Ingenieure. 1922 kamen das gegenüberliegende Wohn- und Verwaltungsgebäude 2 und das Pförtnerhaus an der Lankwitzer Straße hinzu. Das zweigeschossige Wohnhaus ist nicht mit Backstein verkleidet, sondern verputzt, es unterscheidet sich mit der eher sachlichen Architektur und der sparsamen Putzgliederung von den übrigen Bauten des Gaswerks. Hinter dem Wohn- und Verwaltungsgebäude 2 ist das Gasmesser- und Reglerhaus angeordnet. Die 1901 erbaute abgewinkelte Gebäudegruppe mit Mitteltrakt und Nordflügel wurde 1905, 1911 und 1936 vergrößert und dabei um den Südflügel erweitert. Im Gasmesser- und Reglerhaus wurde die erzeugte Gasmenge gemessen und entweder dem Gasbehälter oder über Gasdruckregler direkt dem Stadtgasnetz zugeführt.


(1) Drory, Edward: Das Gaswerk Mariendorf bei Berlin, in: Journal für Gasbeleuchtung und Wasserversorgung 46 (1903), S. 577 ff.; Die englischen Gasanstalten, insbesondere das Gaswerk Mariendorf, in: Ingenieurwerke in und bei Berlin, Festschrift zum 50jährigen Bestehen des Vereines deutscher Ingenieure, gewidmet vom Berliner Bezirksverein deutscher Ingenieure, hrsg. v. Alexander Herzberg und Diedrich Meyer, Berlin 1906, S. 265-286; Bärthel, Hilmar: Die Geschichte der Gasversorgung in Berlin. Eine Chronik, hrsg. von der GASAG Berliner Gaswerke Aktiengesellschaft, Berlin 1997, S. 51-52, 137-142.

(2) Das 1901 erbaute Werkstattgebäude wurde 1908 im gleichen Stil verlängert und aufgestockt. Auch der Lokomotivschuppen wurde 1901 erbaut, aber 1910 um zwei Achsen verlängert und mit einem ziegelgedeckten Walmdach versehen. Die Planung der Umbauten oblag Paul Karchow.

Literatur:
  • Topographie Tempelhof, 2007 / Seite 173f.