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Mietshaus Neues Ufer 5 & 6 & 7 & 8 Kaiserin-Augusta-Allee 96 & 96A & 96B & 96C & 97 & 97A & 97B & 97C & 97D Wiebestraße 53 & 54

Obj.-Dok.-Nr.: 09050206
Bezirk: Mitte
Ortsteil: Moabit
Strasse: Neues Ufer
Hausnummer: 5 & 6 & 7 & 8
Strasse: Kaiserin-Augusta-Allee
Hausnummer: 96 & 96A & 96B & 96C & 97 & 97A & 97B & 97C & 97D
Strasse: Wiebestraße
Hausnummer: 53 & 54
Denkmalart: Ensemble
Sachbegriff: Mietshaus

Die Kaiserin-Augusta-Allee, die sich an die Straßenachse Alt-Moabit anschließt, folgt dem alten Heerweg, der von Berlin über Charlottenburg nach Spandau führte. Mit einer Brücke überquert sie den 1866-75 angelegten Charlottenburger Verbindungskanal, der seit 1938 die Bezirksgrenze markiert. Unmittelbar am Verbindungskanal befindet sich ein Ensemble aus einer Wohnanlage und einem Schulkomplex. Die Bauteile umschließen einen gemeinsamen Innenhof und scheinen einem einheitlichen städtebaulichen Konzept zu folgen, obwohl sie zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind. Das Ensemble umfasst die Grundstücke Neues Ufer 5-8, Kaiserin-Augusta-Allee 96-96C, 97-97D und Wiebestraße 53-58.

Auf dem dreieckigen Baublock zwischen der Uferstraße des Charlottenburger Verbindungskanals und der Wiebestraße errichtete die Stadt Charlottenburg 1911-12 die 29. und 30. Gemeindeschule. (1) Als erste Schule in Martinickenfelde sollte sie den gewachsenen Bedarf abdecken, denn durch das Wachstum des Industriereviers und den Ausbau der benachbarten Mietshausviertel war die Einwohnerzahl beträchtlich angestiegen. Zugleich beabsichtigte die Stadt Charlottenburg, mit dem Schulgebäude eine geordnete Bebauung der Grundstücke am Charlottenburger Verbindungskanal einzuleiten. Die Pläne entwarf der Stadtbaurat von Charlottenburg, Heinrich Seeling, unter Mitarbeit von Magistratsbaurat Winterstein, während Stadtbaumeister Walter Helmcke die Ausführung leitete. Die U-förmige Schulanlage auf dem Grundstück Neues Ufer 5-8 und Wiebestraße 53-58 besteht aus einem breiten Mittelteil mit Turnhalle, Aula und Zeichensaal, der mit einer konkav gewölbten Fassade nach Süden weist, und zwei lang gestreckten Klassentrakten, die dem Verlauf der begleitenden Straßen folgen. Im Norden blieb ausreichend Platz für eine zukünftige Erweiterung, die aber nicht zustande kam. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde dort eine Wohnanlage errichtet. Auch für den südlichen Teil des Grundstücks war eine verdichtete Bebauung vorgesehen. Die Mietshäuser, die sich an die seitlichen Klassentrakte anschließen sollten, wurden nie gebaut, sodass heute Brandwände zu sehen sind und die Anlage stellenweise einen unfertigen Eindruck vermittelt. Die Schule zeigt, dass Heinrich Seeling die neuen künstlerischen Strömungen seiner Zeit aufnahm. Die schlichten, sachlichen, sparsam dekorierten Backsteinfassaden kann man als eine Modernisierung der herkömmlichen historisierenden Schularchitektur betrachten. Die wechselnden Fensterformen, die betonten Risalite am südlichen Ende der beiden Klassentrakte, die steilen Giebel, versehen mit Krüppelwalmdächern, und die abstrahierten Backsteinornamente sorgen für eine lebhafte Fassadenabwicklung. Der Haupteingang an der Uferstraße wurde mit einem haubengedeckten Doppelportal hervorgehoben. Beeindruckend ist das ornamentale Raster des Giebels, gebildet aus vorstehenden Backsteinköpfen. An der Hofseite leitet ein mächtiger gerundeter Treppenturm vom Klassentrakt zum Mittelteil über. Das auskragende, mit Fachwerk versehene Obergeschoss trägt eine offene Plattform. Die Gemeindeschule wurde mit Bauschmuck aus Sandstein und dunklem Terrakotta versehen. Das erinnert an die schmuckreichen Schulen von Ludwig Hoffmann in Berlin. Bildhauer Hans Lehmann-Borges schuf große, an der Fassade angebrachte Figuren und Reliefs, die auf das Lernen in der Schule anspielen. (2) So ist an der Ecke des Eingangsrisalits, ausgerichtet zum Neuen Ufer, unter einem Vordach eine Mutter zu sehen, die ihrer Tochter das Lesen beibringt. Die aufwendige Dekoration setzt sich im Inneren fort: Das großzügige Foyer ist durch Bogenfenster mit dem Hauptreppenhaus verbunden, während eine Wandnische, ausgekleidet mit Kiesel- und Mosaiksteinen, den Treppenaufgang schmückt. Die aus glasierten Fliesen bestehenden Wandbrunnen der oberen Stockwerke zeigen Märchenszenen (Rotkäppchen, Hans im Gück). Die ornamentale Ausmalung ist vom Jugendstil beeinflusst.

An der Kaiserin-Augusta-Allee ließ die Gemeinnützige Baugesellschaft Berlin-Heerstraße mbH 1927-28 eine differenziert gegliederte Wohnanlage errichten, die an die beiden Klassentrakte der Gemeindeschule anschließt, aber im Norden zwei breite Lücken zwischen Straßenraum und Schulhof freilässt. (3) Diese Öffnung wurde vom Bezirk Charlottenburg gefordert, um dem Schulgelände eine ausreichende Belüftung zu gewähren. Die von Heinrich Reinhardt und Georg Süßenguth entworfenen fünfgeschossigen Wohngebäude umschließen zusammen mit den Klassentrakten einen gemeinsamen Innenhof, der ausreichend Raum bot, um Gartenflächen und einen Spielplatz anzulegen. (4) Die Wohnanlage, die mit Mitteln der Hauszinssteuer gefördert wurde und daher den technischen Richtlinien der Berliner Wohnungsfürsorgegesellschaft folgen musste, verdeutlicht gegenüber den Mietshäusern des benachbarten Huttenkiezes den Gedanken der Wohnreform. Die Hauseinheiten enthalten Kleinwohnungen mit zwei bis zweieinhalb Zimmern, die für die mittlere Einkommensschicht der in Martinickenfelde beschäftigten Arbeiter und Abgestellten gedacht waren. Die Wohnungen, die grundsätzlich quer zu lüften waren, erhielten ein Bad, dazu Balkon oder Loggia. Zu dieser Ausstattung kamen weitere Versorgungseinrichtungen hinzu. Außer den gebräuchlichen Trocken- und Waschräumen im Dachboden gab es Läden für den täglichen Bedarf, eine Kinderarztpraxis, ein Kinderheim mit Säuglingshort, eine Liegehalle zum Sonnenbaden, eine große Dachterrasse sowie einen Spielplatz. (5) Die von expressionistischen Anklängen bestimmte Fassadengliederung mit vortretenden Backsteinschichten an Eingängen und Loggien fand ihre Entsprechung in einer kontrastreichen Farbigkeit, die heute allerdings nur noch an der Hofseite zu erleben ist. Heinrich Reinhardt und Georg Süßenguth verwendeten eingefärbten Putz, um die Fassade anschaulich zu gliedern. Die hervortretenden Treppenhausachsen heben sich mit ihrer blaugrauen Farbigkeit vom Rot der Wandflächen ab. Der blaugraue Farbton wurde außerdem verwendet, um das fünfte Stockwerk unter dem überstehenden Dach zu einem horizontalen Band zusammenzufassen.


1) Helmcke, Walter: Die Gemeinde-Doppelschule in der Wiebestraße in Charlottenburg (Stadtteil Martinickenfelde). Architekt: Stadtbaurat Seeling. In: Das Schulhaus 14 (1912), S. 221-229; Schliepmann, Hans: Heinrich Seeling. In: Berliner Architekturwelt 15 (1913), S. 505-510; Wirth 1955, S. 94; BusB V C, S. 25-26, 35, 50, 398.

2) Hauptmann, Hans: Die Aufgaben der Architektur-Plastik. In: Die Bauwelt 4 (1913), Heft 28, Beilage, S. 66.

3) Gorgas, Curt: Die Gemeinnützige Baugesellschaft Berlin-Heerstraße. Berlin [um 1929], S. 34-36.

4) Heute ist der Hof durch eine Mauer geteilt.

5) Das Kinderheim war in einem ehemals vorspringenden Bauteil am Haus Kaiserin-Augusta-Allee 96 C untergebracht. Die Räume wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zu Wohnungen umgebaut und aufgestockt. Zum Kinderheim siehe Wolf, Gustav: Gemeinschaftseinrichtungen im Wohnungsbau. In: Die Baugilde (15) 1933, S. 939.

Literatur:
  • Inventar Tiergarten, 1955 / Seite 94
  • BusB V C 1991 / Seite 398, 25f, 35, 50; dort weitere Lit.
  • Topographie Mitte/Tiergarten, 2005 / Seite 302f.
  • Katamon Exposé