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St.-Thomas-Kirche

Obj.-Dok.-Nr.: 09031197
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Mariannenplatz & Bethaniendamm
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Kirche ev.
Datierung: 1864-1869
Entwurf: Adler, Friedrich Johann Heinrich (Architekt)
Entwurf: Retzlaff, Werner
Bauherr: Gemeindekirchenrat der St. Thomas-Gemeinde

Den nördlichen Abschluss der Platzfläche bildet die Ev. St.-Thomas-Kirche, die 1864-69 von Friedrich Adler am Mariannenplatz errichtet wurde. (1) St. Thomas war die zweite Kirche der Luisenstadtgemeinde. Zu ihrer Errichtung wurde vom Berliner Magistrat 1862 ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben, den Adler gewann. Nach Maßgabe der Ausschreibung sollte die Thomas-Kirche 3.000 Personen "bequem fassen" und mit dem benachbarten Bethanien-Krankenhaus "eine schöne Baugruppe" bilden. Auch sollte sie nicht zu klein dimensioniert sein, um sich gestalterisch ausreichend Geltung zu verschaffen.(2) Nach ihrer Fertigstellung war die allseitig freistehende Thomas-Kirche das zweitgrößte Gotteshaus in Berlin.

Friedrich Adler schuf mit St. Thomas ein Gebäude von erheblicher Bedeutung für das Stadtbild der Luisenstadt. Die Kirche bildet mit ihrer Doppelturmfassade nicht nur den prominenten nördlichen Abschluss einer von der Mariannenstraße über den Mariannenplatz reichenden Sichtachse, sondern ist mit ihrer Kuppel auch eine in den Bereich des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals weit ausstrahlende Landmarke. Darüber hinaus bildet die Thomas-Kirche das evangelische Gegenstück zu der am Engelbecken gelegenen katholischen St.-Michael-Kirche, die man bereits 1851-61 erbaut hatte. (3)

Der Entwurf Adlers ist erkennbar von romanischen Kirchenbauten in Köln und Oberitalien inspiriert, nahm aber auch auf die Tradition des Berliner Kirchenbaus und hier vor allem auf Schinkels Kirchenentwürfe Bezug. Adler konzipierte die Thomas-Kirche im Rundbogenstil und orientierte sich damit am Formenvokabular des benachbarten Bethanien-Krankenhauses. Das monumentale äußere Erscheinungsbild des Ziegelrohbaus resultiert nicht allein aus der enormen Baumasse und beachtlichen Gebäudehöhe, sondern ist wesentlich durch die zugrundeliegende Klarheit der Komposition bedingt. Streng geschnittene geometrische Körper wurden zu einem kompakten, hierarchisch gegliederten Bauwerk gruppiert. An das einschiffige, annähernd quadratische Langhaus schließt sich der etwa gleich große Vierungskubus an. Chor und Querarme sind kleeblattförmig angelegt. Aufgrund der besonderen Konstruktionsweise mit den nach innen gezogenen Strebepfeilern konnten die äußeren Strebepfeiler geringer dimensioniert werden, sodass die Körperhaftigkeit der einzelnen Bauglieder gut zur Geltung kommt. Zugleich ist die innere Raumstruktur am Gliederungsgerüst der Fassaden zu weiten Teilen ablesbar. Der zum Mariannenplatz weisende Doppelturmriegel, der deutlich an der Turmfront der Friedrichwerderschen Kirche orientiert ist, sowie die mächtige, zeltdachgedeckte Tambourkuppel, als deren Vorbild einer der Vorstadtkirchenentwürfe Schinkels angeführt werden kann, prägen die äußere Ansicht. (4) Ein gewichtiges architektonisches Motiv bildet die Arkadengalerie, die sowohl den Tambour als auch den Unterbau der Kuppel schmückt. Die Belichtung des Kircheninnern erfolgt über großformatige Rundbogenfenster, deren Maßwerk ebenso wie ein großer Teil des Figuren- und Terrakottenschmucks von der Tonwarenfabrik von Ernst March geliefert wurde.

Adler setzte mit der Thomas-Kirche im Hinblick auf die Raumbildung im evangelischen Kirchenbau neue Maßstäbe. Obwohl die Kirche als Längsbau angelegt wurde, ist ihr Grundriss von ausgesprochen zentralisierendem Charakter. Nach Angaben Adlers stand bei der Grundrissanlage unter anderem die Berliner Parochialkirche Pate. Durch die Annäherung an einen Zentralbau wurde den Erfordernissen einer evangelischen Predigtkirche in besonderer Weise Rechnung getragen. Der Innenraum war auf Altar und Kanzel ausgerichtet. Die Besucher sollten den Gottesdienst von jedem Platz aus ohne optische oder akustische Einschränkungen verfolgen können. (5) Entlang der Wände des eingewölbten, weithin stützenfreien Raums befinden sich Seitengänge, die durch die nach innen gezogenen, durchbrochenen Strebepfeiler unterteilt werden. Diese Seitengänge, die die Erschließbarkeit der Kirche erheblich verbesserten, wurden bald nach Fertigstellung der Kirche als neues Element in der Entwicklung des evangelischen Kirchenbaus gelobt. (6) Ein Novum stellte zudem die weitreichende Verwendung von Eisen zur Erzielung konstruktiver Vorteile dar. (7) Allenthalben verstärken Balken, Säulen und Ringanker aus Guss- und Schmiedeeisen die Konstruktion. Hervorzuheben sind dabei insbesondere die schmiedeeisernen Umschließungsringe am Fuß des Tambours sowie die sichtbaren gusseisernen Stützen im Chor und in den Querarmen.

Die bauzeitliche Ausstattung ist nur teilweise erhalten geblieben. Nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg erfolgte 1956 bis 1963 der Wiederaufbau durch Werner Retzlaff und Ludolf von Walthausen unter Wegfall der ursprünglich in den Querhauskonchen vorhandenen, "amphitheatralisch" angeordneten Emporen. Werner Retzlaff nannte seinen Umbau "Wiederaufbau der St. Thomas-Kirche mit neuem Programm" und stellte unter Anteilnahme des Berliner Amts für Denkmalpflege den historischen Kirchenbau im Äußeren vollständig wieder her. Der Innenraum wurde für eine geringere Kapazität von 500 Kirchenbesuchern neu organisiert. Retzlaff baute 1957 eine Sänger- und Orgelempore ein, die weit in das Langhaus hineinragt. Durch die Neufassung wurde der schon von Adler angelegte Zentralraum stärker herausgearbeitet und für eine neue Liturgieauffassung genutzt. Ludolf von Walthausen entwarf 1961-64 den Altar, den Baldachin, die Kanzel, Brüstungen und liturgische Geräte wie das räumliche Altarkreuz, das so gestaltet ist, dass die Kreuzform aus allen vier Richtungen gleichermaßen wahrnehmbar ist. Der neue Altar erhielt seinen Platz in der Vierung. Die Gemeinde kann sich durch diese Anordnung um den Abendmahlstisch versammeln, wie es der modernen Liturgieauffassung entspricht. Um dem Altar im mächtigen Kuppelraum der Vierung die notwendige Präsenz und Sichtbarkeit zu geben, wurde er auf ein zwei Stufen hohes Podest gestellt und zusätzlich durch einen aus gefaltetem Aluminium bestehenden Baldachin auf Stahlstützen überdeckt und betont. Der Baldachin bewirkt die Konzentration auf das Zentrum in einem übergroßen Raum.

Die Instandsetzung der Fassaden Ende der 1990er Jahre war mit einer Restaurierung des gesamten Figurenschmucks verbunden.


(1) Fritsch, Karl Emil Otto: Berliner Neubauten. Die Thomaskirche. In: Deutsche Bauzeitung 4 (1870), S. 135-136, 142-145; Adler, Friedrich: Die St.-Thomas-Kirche zu Berlin. In: Zeitschrift für Bauwesen 21 (1871), S. 19-26, 321-328, Tafeln 11-22; BusB 1877, 139-142; Lütkemann 1926, S. 168-170; Kühne/Stephani 1978, S. 62-63; Lemburg, Peter: Friedrich Adlers Sankt Thomas-Kirche in Berlin-Kreuzberg. Eine Dokumentation, Berlin 1985, Landesdenkmalamt Berlin; Klinkott 1988, S. 150-160; BusB VI, S. 71-75, 366; Dehio Berlin 2006, S. 297.

(2) Zitiert nach Concurrenz-Ausschreiben. In: Zeitschrift für Bauwesen 12 (1862), S. 557-560.

(3) Bereits mit Feststellung des Lennéschen Bebauungsplans war die Anordnung einer Kirche auf dem Mariannenplatz, jedoch auf dessen Südseite, vorgesehen.

(4) BusB VI, S. 49. Auf den flachen Pyramidendächern der Türme stehen die Siegesengel, die für den gewonnenen Krieg gegen Österreich 1866 angefertigt wurden und aus Gründen der Sparsamkeit hier eine erneute Verwendung fanden.

(5) Nicht zuletzt aufgrund der von Beginn an bestehenden, mangelhaften Akustik steht der Altar jedoch heute inmitten der Vierung.

(6) Fritsch, Karl Emil Otto: Der Kirchenbau des Protestantismus von der Reformation bis zur Gegenwart, Berlin 1893, S. 261.

(7) Friedrich Adler wurde hierbei durch Johann Wilhelm Schwedler beraten, der als Dozent für Baukonstruktion an der Berliner Bauakademie tätig war. BusB 1896, Bd. 2, S. 304; BusB V C, S. 340.

Literatur:
  • BusB II/III 1896 / Seite 166
  • BusB I/II 1877 / Seite 139f.
  • Hoffmann-Tauschwitz/ Berlin und seine Kirchen / Seite 60f.
  • Klinkott/ Backsteinbaukunst, 1988 / Seite 142-144
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 236 ff.