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Kapernaumkirche, Pfarr- und Gemeindehaus

Obj.-Dok.-Nr.: 09030320
Bezirk: Mitte
Ortsteil: Wedding
Strasse: Seestraße
Hausnummer: 34 & 35
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Kirche ev. & Gemeindehaus & Pfarrhaus
Entwurf: 1900
Datierung: 1901-1902
Umbau: nach 1909 & nach 1955
Entwurf: Siebold, Carl (Architekt)
Entwurf: Dinklage, Paulus und Lilloe (Architektengemeinschaft)
Ausführung: C. Kuhn (Baugeschäft)
Bauherr: Gemeindekirchenrat der Nazareth-Gemeinde

Die evangelische Kapernaumkirche, die 1900-02 in einem noch unbebauten Gebiet errichtet wurde, verdankt ihre Entstehung der Bodenspekulation. (1) Graf Eduard Karl v. Oppersdorf, der an der Seestraße über beträchtlichen Landbesitz verfügte, schenkte der Nazarethgemeinde ein Grundstück und einen hohen Geldbetrag zum Bau einer neuen Pfarrkirche. Dahinter stand ein eigennütziger Gedanke. Die Kirche wertete das umliegende Bauland auf, so dass es sich mit größerem Gewinn verkaufen ließ. Als Standort war ein repräsentativer Kirchplatz in der Achse der Antwerpener Straße vorgesehen. Nach dem Einspruch städtischer Behörden wurde jedoch das Eckgrundstück Seestraße 34-35 und Antwerpener Straße 50 gewählt. (2) Der Backsteinbau in spätromanischen Formen wurde von Karl Siebold entworfen, einem westfälischen Architekten, der das Bauamt der Bodelschwingh'schen Anstalten in Bethel bei Bielefeld leitete und nahezu achtzig Kirchen errichtete. (3) Um Baukosten zu sparen, wiederholte der Architekt den 1895 ausgearbeiteten Entwurf für die Christuskirche in Hagen-Eilpe, der jedoch an den veränderten Standort in Berlin angepasst werden musste. Das dreischiffige Langhaus besitzt einen asymmetrischen Grundriss. Dem breiten Emporenseitenschiff im Nordosten steht das schmale gangartige Seitenschiff an der Antwerpener Straße gegenüber. Der Außenbau wird durch Rundbogenfriese, doppelte romanische Fenster und weiß verputzte Blendfelder gegliedert. Die vorgelagerten Bauten an der Antwerpener Straße mit der Portalvorhalle lassen an eine mächtige Basilika denken. Der Chor wurde mit achteckigen Chortürmen, einer Zwerggalerie und Rundbogenfenstern reich geschmückt. Mit dem Konfirmandensaal unter dem Chor bietet die Kapernaumkirche ein frühes Beispiel für eine bauliche Verbindung von Kirche und Gemeindezentrum. Das Bauwerk entfaltet vor allem an der Seestraße seine städtebauliche Wirkung. Der mächtige Eckturm überragt die umliegenden Mietshäuser. Deutlich kleiner ist der zweite Turm, der die Giebelfront des Langhauses begrenzt. Die Bauformen leiten sich von der spätromanischen Architektur im Rheinland ab. Karl Siebold nahm sich die Kirchen St. Aposteln und Groß St. Martin in Köln zum Vorbild, um Zwerggalerie und Chortürme zu gestalten, während der Eckturm den romanischen Westtürmen von St. Mariä Himmelfahrt in Andernach gleicht. Mit dem Gemeindehaus, 1909-11 erbaut von August Dinklage, Ernst Paulus und Olaf Lilloe, wurde die anfangs freistehende Kapernaumkirche an den benachbarten Häuserblock angebunden. Der gestaffelte Seitenflügel begrenzt einen schmalen Hof an der Kapernaumkirche. Rundbogenfenster und Gesimse gliedern die verputzte Straßenfront.

Die Kapernaumkirche wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, aber 1952-59 von Fritz Berndt und Günter Behrmann wiederaufgebaut. Ein steiles Satteldach ersetzt den zerstörten Rautenhelm des Eckturms. Der Giebel an der Seestraße wurde vereinfacht. Der neu gestaltete Kirchenraum unter einer halbrunden Holzdecke wirkt sehr schlicht. (4) Günter Behrmann gestaltete Kanzel und Altar. Einer traditionellen Ikonographie folgen der Kruzifix, die von Apostelfiguren getragenen Altarleuchter und das Lesepult mit der Darstellung des Hauptmanns von Kapernaum. Hermann Kirchberger entwarf die farbigen Glasmalereien der Apsisfenster, die 1958 von August Wagner ausgeführt wurden. Neben dem segnenden Heiland ist die Geburt Christi (Weihnachten) und die Ausgießung des Heiligen Geistes (Pfingsten) dargestellt. Zur ursprünglichen Ausstattung gehört die 1910 gestiftete überlebensgroße Statue des segnenden Christus, die einer bekannten Skulptur des dänischen Bildhauers Berthel Thorwaldsen nachgebildet ist.


(1) Grundsteinlegung für die Kapernaumkirche in Straße XVI an der Seestraße am 30. September 1897. in: Jahresbericht des Evangelischen Kirchenbau-Vereins für Berlin 8 (1897/98), S. 74-75; Baukommission für die Kapernaum.Kirche. in: Jahresbericht des Evangelischen Kirchenbau-Vereins für Berlin 10 (1899/1900), S. 58; 11 (1900), S. 48; 12 (1901), S. 46; 13 (1902), S. 144; 14 (1903), S. 89; 15 (1904), S. 94; 16 (1905), S. 39; 17 (1906), S. 44; 18 (1907), S. 48; 19 (1908), S. 63; Kapernaum-Kirche. in: Jahresbericht des Evangelischen Kirchenbau-Vereins für Berlin 12 (1901), S. 19-21; 13 (1902), S. 30-32; Schlusssteinlegung und Einweihung der Kapernaum-Kirche in Berlin am 22. Juli und 25. August 1902. in: Jahresbericht des Evangelischen Kirchenbau-Vereins für Berlin 13 (1902), S. 90-108; Diestelkamp, Ludwig: Sieben Jahre Kampf um Kapernaum. Gütersloh 1903; Kommission für den Bau eines Pfarr- und Gemeinde-Hauses bei der Kapernaumkirche. in: Jahresbericht des Evangelischen Kirchenbau-Vereins für Berlin 14 (1903), S. 89; Gottwald 1924, S. 195-196; Lütkemann 1926, S. 76-77; Kühne/Stephani 1978, S. 292-293; Böpple, Gerlinde: Kapernaum. Eine evangelische Kirchengemeinde "auf dem Wedding". Berlin 1992; Müller 1993, S. 376-384, BusB VI, S. 380; Althöfer, Ulrich: Der Architekt Karl Siebold (1854-1937). Zur Geschichte des evangelischen Kirchenbaus in Westfalen. Bielefeld 1998; Donath, Matthias: 100 Jahre Kapernaumkirche 1902-2002. Hrsg. vom gemeinsamen Gemeindekirchenrat der Evangelischen Kirchengemeinden Kapernaum und Kornelius. Berlin 2002 [Faltblatt]; Goetz/Hoffmann-Tauschwitz 2003, S. 127.

(2) Der Einweihung der Kapernaumkirche wohnten Kaiser Wilhelm II., der Kronprinz und Kaiserin Auguste Viktoria bei, die sich über den Evangelischen Kirchenbau-Verein zu Berlin an den Baukosten beteiligt hatten.

(3) Dass der Auftrag 1896 ins entfernte Westfalen vergeben wurde, überrascht, lässt sich aber damit erklären, dass der Pfarrer der Nazarethkirche, Ludwig Diestelkamp, mit Friedrich v. Bodelschwingh befreundet war.

(4) Der Innenraum der Kapernaumkirche war sparsam gestaltet. Über dem Mittelschiff spannte sich kein Gewölbe, sondern eine Holzdecke mit satteldachartig angehobenem Mittelteil. Die beiden flach gedeckten Seitenschiffe, gestützt von Säulen mit Würfelkapitellen, trugen Emporen, die sich mit drei weiten Rundbögen zum Mittelschiff öffneten. Die Ausmalung wiederholte romanische Friese und Ornamente. Nur der Chorraum besaß aufwendige Wandmalereien, wie sie im ausgehenden 19. Jahrhundert im evangelischen Kirchenbau üblich waren. In der Apsis war der thronende Christus in der Mandorla dargestellt, umgeben von Engeln, die zwischen Palmen standen. Ein Wandbild mit dem Hauptmann von Kapernaum vor Jesus war im Apsisbogen zu sehen. Glasmalerein mit figürlichen und ornamentalen Darstellunge setzten die reiche Farbigkeit fort.

Literatur:
  • BusB VI 1997 / Seite 380, 441
  • Kühne, Stephani/ Kirchen, 1978 / Seite 292f.
  • Allgemeine Berliner Architecten-Zeitung 1 (1902) / Seite 1
  • Topographie Mitte/Wedding, 2004 / Seite 204
  • Böpple, Gerlinde/ Kapernaum eine evangelische Kirchengemeinde "auf dem Wedding", Berlin 1992