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Julius-Leber-Kaserne

Obj.-Dok.-Nr.: 09030299,T
Bezirk: Mitte
Ortsteil: Wedding
Strasse: Kurt-Schumacher-Damm
Hausnummer: 41 & 43 & 45 & 47 & 49 & 51 & 53 & 55 & 57 & 59 & 61 & 63 & 65 & 67 & 69 & 71 & 73 & 75 & 77 & 79 & 81 & 83 & 85 & 87 & 89 & 91 & 93 & 95 & 97 & 99 & 101 & 103 & 105 & 107 & 109 & 111 & 113 & 115 & 117 & 119 & 121 & 123 & 125 & 127 & 129 & 131 & 133 & 135 & 137 & 139 & 141 & 143 & 145 & 147 & 149 & 151 & 153 & 155 & 157 & 159 & 161 & 163 & 165 & 167
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Kaserne & Sportanlage & Bad & Schwimmhalle
Datierung: 1935-1939 & 1952-1953 & 1955-1956
Entwurf: Schneidt (Architekt)
Entwurf: Chatelain, André & Krafft & Plarre, Hansrudolf
Entwurf: Wolff-Grohmann, Hans
Bauherr: Reichsluftfahrtministerium

Zur heutigen Julius-Leber-Kaserne am Kurt-Schumacher-Damm 41/167 gehören ältere Gebäude, die an die frühe Geschichte der Luftfahrt erinnern. (1) Das weiträumige Gelände nahe den Rehbergen, das heute größtenteils vom Flugplatz Tegel eingenommen wird, diente seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert als Schieß- und Übungsplatz. Zur Jahrhundertwende wurde die Kaserne des Luftschifferbataillons Nr. 1 hierhin verlegt. Mit dieser Abteilung, der weltweit ersten Luftwaffeneinheit, begann die militärische Anwendung der Luftfahrt. Die 1901 eröffnete Kaserne blieb teilweise erhalten. Aus der ersten Bauphase stammen am Kurt-Schumacher-Damm dreistöckige Mannschaftsgebäude, die später durch einen Zwischentrakt verbunden wurden (Haus 44) sowie das Verwaltungsgebäude (Haus 43), das Offizierskasino (Haus 42) und das Versorgungsgebäude (Haus 51) im hinteren Bereich. Die Gebäude sind heute verputzt, so dass die ursprüngliche Backsteinverkleidung nicht zu sehen ist. An den Segmentbogenfenstern erkennt man, dass es sich um ältere Gebäude handelt. Die zugehörige Freifläche bildete den ersten Flughafen Berlins. Mit dem Zeppelin Z 3 landete dort 1900 das erste Luftschiff. Im Hangar wurden 1908 erstmals lenkbare Luftschiffe gebaut. Zwischen 1930 und 1933 testeten Hermann Oberth, Rudolf Nebel und Wernher von Braun auf dem Gelände des heutigen Flugplatzes erste Flüssigkeitsraketen.

Die massive Aufrüstung, die mit der nationalsozialistischen Herrschaft einsetzte, wirkte sich auch das Gelände an den Rehbergen aus. Reichsluftfahrtminister Hermann Göring ließ 1936-39 eine riesige Kaserne für das nach ihm benannte Luftwaffen-Infanterie-Regiment "General Göring" (RGG) errichten. Oberbaurat Schneidt entwarf eine aus 130 Gebäuden bestehende Soldatenstadt, die in eine begrünte Landschaft eingebettet ist. Mit dem durchdachten Grundriss, der aufgelockerten Bauweise und der landschaftsgebundenen Gestaltung zeigt die Kaserne des Luftwaffen-Infanterie-Regiments nach welchen architektonischen Prinzipien die nach 1933 aufgebaute Luftwaffe in ganz Deutschland ihre Standorte gestaltete. (2) Um den Soldaten während der militärischen Ausbildung das Gefühl zu vermitteln, in heimischer Umgebung zu leben, wurde eine großzügige, annähernd symmetrische Anlage geschaffen, die einer Gartenstadt gleicht. Zwischen den Gebäuden liegen große Grünflächen. Bewusst hat man die alten Kiefern stehen gelassen. Landschaft und Häuser sollen als Abbild der deutschen Heimat erscheinen. Die schlichten Gebäude, die ein bis zwei Stockwerke umfassen, erinnern die einfache, bodenständige Architektur um 1800, die vor allem von der Heimatschutzbewegung des frühen 20. Jahrhunderts propagiert wurde. Mit ziegelgedeckten Dächern, hell verputzten Wandflächen, rechteckigen Fenstern, geschmiedeten Gittern und Geländern erwecken die Häuser einen ländlichen, heimatlichen Eindruck. Hinter den Satteldächern verbirgt sich allerdings eine moderne, wehrtechnisch bedingte Konstruktion. Um die Häuser vor Bombenangriffen zu schützen, hat man Stahlbetondächer mit trapezförmigem Querschnitt ausgebildet ("Sargdeckel").

Das annähernd dreieckige Gelände, das vollständig ummauert ist, wird von einer ovalen Ringstraße erschlossen. Die meisten Bauten sind spiegelsymmetrisch zur Mittelachse angeordnet. Der Haupteingang liegt an der nördlichen Ecke. (3) In der Mittelachse erhebt sich das zweigeschossige Regimentsstabsgebäude (Haus 2, 2a), das mit seinem riesigen Tor monumental und repräsentativ wirkt. Die eckige Durchfahrt, flankiert von schlanken Pfeilern, reicht bis zum Hauptgesims. Die seitlichen Eingänge sind mit Eichenlaub und anderen nationalen Symbolen geschmückt. Über den östlichen und westlichen Arm der Ringstraße erreicht man Baugruppen, die jeweils einer Kompanie als Truppenunterkunft gedient haben (Häuser 6, 7, 8 sowie 28, 29, 30). Um einen rechteckigen Gartenhof gruppieren sich zweigeschossige Wohngebäude und eingeschossige Zwischentrakte. Die innere Fläche des Ovals, unterteilt durch eine Querachse, war der militärischen und sportlichen Ausbildung vorbehalten. Der Hauptplatz der Kaserne wird von zwei Turnhallen (Häuser 33, 35) und dem Hallenbad (Haus 34) begrenzt. Es handelt sich um moderne Stahlbetonskelettbauten mit großflächigen Fensterbahnen und Flachdach. Die Stahlbetonstützen sind mit Travertin verkleidet. Vor dem Hallenbad steht die Statue eines schreitenden Mannes. Die Bronzeplastik, geschaffen 1936 von Georg Kolbe, ist ein Beispiel für die neoklassizistische Kunst der 1930er Jahre. Die beiden bronzenen Bären waren ursprünglich vor dem Wirtschaftsgebäude der 3. Abteilung (Haus 9) aufgestellt. Gegenüber dem Hauptplatz beginnt eine große Freifläche. Hinter dem ovalen Sportplatz liegt das Freibad. Der kleine Pavillon mit geschwungenem Spannbetondach (Haus 21e) wurde in den 1950er Jahren errichtet.

Der halbkreisförmige südliche Abschnitt der Ringstraße erschließt mehrere Truppenunterkünfte und Versorgungseinrichtungen. Um den Sportplatz gruppieren sich vier U-förmige Mannschaftsgebäude (Häuser 17, 19, 21, 25), deren Hof zur Ringstraße geöffnet ist. In der Mittelachse liegt das zweigeschossige Mannschaftsheim (Haus 22), das durch einen Dreiecksgiebel hervorgehoben wurde. An der Außenseite der Ringstraße folgt das Kasino der Unteroffiziere (Haus 23). Die Truppenunterkunft (Haus 26) am westlichen Rand greift eine moderne städtebauliche Idee auf. Die Wohntrakte sind in Kammstellung angeordnet und durch einen niedrigen Zwischentrakte verbunden. Am Küchen- und Kantinengebäude (Haus 27) öffnet sich ein beschaulicher Platz, der mit seinem steinernen Brunnen eine heimatliche Stimmung ausstrahlt. Auf der Brunnenstele sitzt ein Soldat mit Akkordeon. Die kleinen Reliefs verweisen auf deutsche Heimat- und Soldatenlieder. (4) Die Villa des Regimentskommandanten (Haus 40) steht am westlichen Rand des Kasernengeländes. Das zweistöckige Gebäude mit Walmdach, eingebettet in einem malerischen Garten, wendet sich dem Kurt-Schumacher-Damm zu. Die Gebäude des Luftschifferbataillons Nr. 1 an der südwestlichen Ecke des Kasernengeländes wurden nach 1936 durch weitere Bauten ergänzt. Das Wirtschaftsgebäude der 1. Abteilung, heute Speisesaal für Mannschaften und Unteroffiziere (Haus 45), ist ein anschauliches Beispiel für den Heimatschutzstil. Der Flügel mit dem großen Speisesaal besitzt ein steiles Satteldach. Nach Süden weist eine Giebelfront, geschmückt mit Balkonen und einer Loggia im Erdgeschoss, die zum Haupteingang führt. Auf dem gegenüberliegenden Gelände ist eine weitere Truppenunterkunft angeordnet (Häuser 46, 47, 48). Haupttrakt und Seitenflügel umschließen zwei große Gartenhöfe. Die Wirtschafts- und Versorgungseinrichtungen, Hallen und Garagen sind am südlichen und östlichen Rand des Kasernengeländes zu finden. Der südliche Garagenbogen (Hallen 16, 17, 18, 20, 21) nimmt die Kreisform des mittleren Ovals auf.

An der südöstlichen Ecke, abseits von den Mannschaftsgebäuden, wurde das Offizierskasino errichtet, das sich mit seinem ziegelgedeckten Dach und der lebhaft gegliederten Fassade in den grünen Landschaftsraum einordnet. Die vielgestaltige Baugruppe umschließt einen Innenhof. Der große Festsaal besitzt eine gestaltete Stuckdecke mit Wappen, Standarten und Waffen verschiedener Zeiten, die heute allerdings unter einer abgehängten Decke verborgen ist. (5) Das Offizierskasino verfügt über einen rustikalen Bierkeller, dessen alte Ausstattung mit holzgeschnitzten Stühlen, einem Ofen aus grün glasierten Kacheln und farbigen Wandbildern erhalten geblieben ist. (6)

Die teilweise kriegsbeschädigte Kaserne wurde 1945 von den französischen Besatzungstruppen übernommen und zum Hauptquartier der französischen Streitkräfte und Sitz des französischen Standortkommandanten in Berlin ausgebaut. Nach dem Abzug der alliierten Streitkräfte 1994 ging das Quartier Napoleon in den Besitz der Bundeswehr über. Die Julius-Leber-Kaserne ist heute der größte Standort der Bundeswehr in Berlin. An die französische Zeit erinnert das Dienstgebäude des Kommandanten (Haus 9). Das 1936 errichtete Wirtschaftsgebäude wurde nach 1950 zum Sitz der französischen Militärregierung umgebaut. Den repräsentativen Haupteingang an der Ecke hat man mit einem weit auskragenden Vordach aus Spannbeton hervorgehoben.


(1) BusB X B (2), S. 275; Berlin des français 1994, S. 90-92.

(2) Soldatenwohnstadt des Regiments General Göring mit 130 Gebäuden. in: Bauamt und Gemeindebau 20 (1938), S. 7; Eine Soldatenstadt bei Berlin. in: Deutsche Bauhütte 42 (1938), S. 18-19; BusB III, S. 96, 109; Schäche 1991, S. 383-385; Berlin des français 1994, S. 90-109.

(3) Die niedrigen Torhäuser zu beiden Seiten der Einfahrt wurde 1975 neu errichtet Die alten Torgebäude hatten einem geplanten, aber niemals ausgeführten Abschnitt der Autobahn weichen müssen.

(4) Die Reliefs waren mit Inschriften versehen, die aber nach 1945 ausgemeißelt wurden. An der Hauptseite der Stele kann man folgende Motive erkennen: Vogel im Kranz ("Die Vöglein / im Walde"), Trommel und Eichenlaub ("Die Trommel schlug / zum Streit"), fliegender Adler ("Steige hoch du / roter Adler").

(5) Baudisch, Gudrun: Stuck in unserer Zeit. in: Zentralblatt der Bauverwaltung 58 (1938), S. 1137-1138; Berlin des français 1994, S. 106.

(6) Für eine bierselige, heimatliche Stimmung sorgen die farbigen Wandbilder: Ritter beim Gelage, Teufel mit Katzen und im Vorraum die mächtige Gestalt des Königs Gambrinus. Im Flur sind Bauern bei der Ernte und Winzer bei der Weinlese dargestellt. Mehrere Bilder in Putzkratztechnik, geschaffen von Stübner, erzählen die Geschichte von Don Quichotte und Sancho Pansa. Bild: Don Quichotte und Sancho Pansa reiten auf Pferd und Esel durch die spanische Landschaft; Bild 2: Sancho Pansa flößt dem in einer Herberge sitzenden Ritter über einen Trichter Wein ein; Bild 3: Don Quichotte und Sancho Pansa im Kampf gegen die Windmühlenflügel.

Literatur:
  • BusB III 1966 / Seite 93-98, 109
  • BusB IX 1971 / Seite ..
  • BusB X B 1984 / Seite 275
  • Schäche, Architektur, 1991 / Seite 383-385
  • Historischer Handatlas Berlin-Brandenburg / Seite 251
  • Topographie Mitte/Wedding, 2004 / Seite 24, 26-27
  • Der Bildhauer Karl Möbius in
    Das Bild (1938)
Teilobjekt St. Louis-Kirche
Teil-Nr.: 09030299,T,001
Sachbegriff: Kirche kath.
Datierung: 1952-1953 & 1955
Entwurf: Chatelain, André (Architekt)
Ausführung: Krafft (Architekt)
Entwurf: Plarre, Hansrudolf

Für die Soldaten und ihre Familienangehörigen, die in den benachbarten französischen Wohnvierteln lebten, wurde 1952-53 die katholische St. Louis-Kirche errichtet (Abb. 236). (7) Der Entwurf stammt von André Chatelain, die Ausführung leitete der deutsche Architekt Krafft. Das Gebäude am Kurt-Schumacher-Damm 129, unweit der Villa des Kommandanten, bildet mit der fensterlosen Straßenseite zugleich einen Abschnitt der Kasernenmauer. Fensterbahnen wurden nur an der Südseite ausgebildet, die zur Kaserne weist. Die St. Louis-Kirche besitzt einen einfachen, schlichten Gottesdienstraum mit offenen Dachstuhl. Beachtung verdienen die bildhaften Reliefs, die mit ihrer flächigen, kantigen Gestaltung dem zeittypischen Reliefstil folgen. Die Eingangsachse am Kurt-Schumacher-Damm ist mit einem Glockenträger aus Stahlbeton verbunden. Um ein großes Betonkreuz sind Reliefs angeordnet, die das Jüngste Gericht darstellen. An der Königsfigur über dem Eingang, die König Ludwig IX. darstellt, kann man erkennen, dass die Kirche einem französischen Heiligen geweiht ist.


(7) BusB III, S. 109; Berlin des français 1994, S. 105; Goetz/Hoffmann-Tauschwitz 2003, S. 142.

Teilobjekt Kino L´Aiglon und Hotel
Teil-Nr.: 09030299,T,002
Sachbegriff: Kulturhaus & Kino & Hotel & Restaurant
Strasse: Kurt-Schumacher-Damm
Hausnummer: 123
Datierung: 1955-1956
Entwurf: Wolff-Grohmann, Hans

Am Kurt-Schumacher-Damm 121-123 ließ die französische Militärregierung 1955-56 ein Kulturhaus für die französischen Streitkräfte errichten. Hans Wolff-Grohmann entwarf eine gestaffelte Baugruppe, die aus dem Kino L´Aiglon, einem niedrigen Querbau mit Restaurant und einem viergeschossigen Hotel besteht (Abb. 237). (8) Mit der eleganten Linienführung und dem großflächig verglasten Foyer ist das Kino ein Beispiel für die moderne Architektur der 1950er Jahre. Die Fassade ist wellenförmig geschwungen. Die Glasfront, unterteilt durch leiterartige Stahlsprossen, wird von einem verputzten Wandstreifen begrenzt. Ein großzügiges Foyer mit Garderobe führt in den Zuschauerraum, während eine ausschwingende Treppe über eine Empore den Rang erschließt. Der sachliche, nüchterne Kinosaal ist auch für Konzert- und Theateraufführungen eingerichtet. Der vorgelagerte Eingangsbau mit seiner zeittypischen Leuchtschrift geht in einen geschwungenen Verbindungsgang über, der durch das begrünte Gelände zum Hotel führt und dabei einen kleinen Hof einfasst. Das blockhafte Hotelgebäude wird von einem Stahlbetonskelett getragen. Das Kino ist seit 1994 geschlossen.


(8) Kino und Hotel in der Cité Pasteur. Architekt: Hans Wolff-Grohmann, Berlin. in: Bauwelt 48 (1957), S. 584; Hotel und Kino am Kurt-Schumacher-Damm in Berlin-Reinickendorf. Entwurf: Hans Wolff-Grohmann, Architekt BDA, Berlin. in: Deutsche Bauzeitschrift 6 (1958), S. 1320-1323; Bähr 1995, S. 207.