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Rudolf-Virchow-Krankenhaus

Obj.-Dok.-Nr.: 09030283
Bezirk: Mitte
Ortsteil: Wedding
Strasse: Augustenburger Platz
Hausnummer: 1
Strasse: Amrumer Straße
Hausnummer: 25 & 27 & 29
Strasse: Föhrer Straße
Hausnummer: 14 & 15 & 16 & 17
Strasse: Nordufer
Hausnummer: 21 & 22
Strasse: Seestraße
Hausnummer: 5
Strasse: Sylter Straße
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Krankenhaus
Entwurf: 1897
Datierung: 1899-1906
Entwurf: Hoffmann, Ludwig Ernst Emil (Architekt)
Bauherr: Magistrat der Stadt Berlin

Auf einem weitläufigen Gelände nördlich des Berlin-Spandauer Schiffahrtskanals, umgeben von Augustenburger Platz 1, Amrumer Straße 25/29, Föhrer Straße 14-17, Nordufer 21-22, Seestraße 5 und Sylter Straße, ließ der Magistrat von Berlin 1899-1906 das vierte städtische Krankenhaus errichten, nachdem die bestehenden Einrichtungen für die ständig wachsende Bevölkerung nicht mehr ausgereicht hatten. Es war das erste Krankenhaus Berlins, das über eigene Stationen auch der kleineren medizinischen Fachbereiche verfügte. Das Großkrankenhaus wurde nach Rudolf Virchow benannt, dem Arzt und liberalen Politiker, der selbst an den ersten Planungen beteiligt war. Als das Rudolf-Virchow-Krankenhaus 1906 eröffnet wurde, galt es als modernste Krankenversorgungseinrichtung Europas. (1) Stadtbaurat Ludwig Hoffmann schuf eine "Gartenstadt für Kranke" mit über fünfzig freistehenden Gebäuden, die nach dem Pavillonsystem in begrünte Freiflächen eingebettet waren. (2) Es gelang dem Architekten, die logische Organisation eines neuzeitlichen Krankenhauses, das immerhin für 2.000 Patienten angelegt wurde, mit einer überzeugenden städtebaulichen Disposition zu vereinen. Die liebevoll und freundlich gestalteten Bauten, die sich Licht, Luft und Sonne öffnen, sollten aktiv zur Genesung der Kranken beitragen. Das Rudolf-Virchow-Krankenhaus verdeutlicht das Bestreben der wilhelminischen Gesellschaft, die sozialen Probleme auf eine vorbildliche und ästhetisch überzeugende Weise zu lösen. Für seine menschliche, sozial verpflichtete Architektur wählte Ludwig Hoffmann überwiegend barocke Bauformen, die an Vertrautes erinnern und das Gefühl der Geborgenheit erwecken. Dazu gehören ziegelgedeckte Mansard- oder Walmdächer, einfache Putzfassaden, Streifenquaderung, Lisenen und kleinteilige Sprossenfenster.

Die ausgedehnte, vom Grundsatz her spiegelsymmetrische Anlage wird am Augustenburger Platz von dem Hauptgebäude eröffnet, einer mächtigen, aber doch freundlichen Dreiflügelanlage, die an barocke Schlossbauten denken lässt. Der als Garten gestaltete Ehrenhof wird von einem eingeschossigen Verbindungstrakt abgeschlossen. In der Mitte erhebt sich das Torhaus, das mit seinen Rundbögen, der Streifenquaderung, die auch die Säulen überzieht, und dem gesprengten Giebel an den italienischen Manierismus und Frühbarock erinnert. Der Mitteltrakt des Hauptgebäudes ist mit einem kupferverkleideten Dachturm hervorgehoben. Durch die hohen gestaffelten Fenster zeichnet sich das Treppenhaus ab, eine repräsentative doppelläufige Anlage. Vom Haupttrakt gehen kammartig vier Querhäuser ab, in denen früher die Gynäkologische Abteilung und die Entbindungsanstalt untergebracht waren. Nach den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs verblieb nur ein Querhaus. Die anderen Flügel wurden 1984-85 in einer modernen, aber dennoch angepassten Bauweise für das Deutsche Herzzentrum wiederaufgebaut. Das Hauptgebäude wird von zwei Wohnhäusern für leitende Bedienstete des Krankenhauses flankiert. Über die mittlere Durchfahrt von Torhaus und Mitteltrakt erreicht man eine breite Allee mit vier Baumreihen. An dieser 425 m langen Hauptachse waren zu beiden Seiten freistehende Krankenpavillons angeordnet. Davon blieben, bedingt durch tiefgreifende Veränderungen der Nachkriegszeit, nur geringe Reste erhalten. Gegenüber dem Hauptgebäude sind die Kopfbauten der ersten beiden Pavillons zu sehen. Drei vollständig erhaltene Krankengebäude stehen am westlichen Ende der Allee. Die langgestreckten Bauten bestehen jeweils aus einem zweigeschossigen Mitteltrakt, anschließenden eingeschossigen Abschnitten, die einen Krankensaal aufnehmen, und äußeren Kopfbauten. Die Allee endet am Pathologischen Institut, einer eingeschossigen Vierflügelanlage, der heutigen Bibliothek. Die rückseitig anschließende Kapelle wurde 1945 zerstört. Erhalten ist das Pförtnerhaus an der Sylter Straße, ein niedriges Gebäude mit Mansarddach. Die Versorgungseinrichtungen ordnete Ludwig Hoffmann an einer Querachse an, die heute allerdings durch bauliche Veränderungen nicht mehr zu erkennen ist. Von den Gebäuden der Querachse steht nur noch das Kessel- und Maschinenhaus. In das Kesselhaus, verziert mit barocken Elementen, ist der Wasserturm integriert, der mit seiner ziegelgedeckten Haube weithin sichtbar ist. Die Baugruppe wird von Küche und Waschhaus flankiert. Einige Abteilungen ordnen sich nicht dem axialen Grundriss unter. Dazu gehört das Krankenhaus, in dem Frauen mit Haut- und Geschlechtskrankheiten behandelt wurden. Das dreigeschossige Gebäude mit drei Querflügeln ist auf die Amrumer Straße ausgerichtet.

In der Absicht, die Heilung der Krankheiten zu befördern, sorgte Ludwig Hoffmann für freundliche, wohnliche Gartenanlagen und einen abwechslungsreichen figürlichen Schmuck. Die Kopfbauten der Pavillons sind beispielsweise mit Reliefs geschmückt, die spielende Kinder, kleine Tiere oder Pflanzen zeigen. Die Bildwerke stammen von Georg Wrba, Ignatius Taschner und Ernst Westpfahl. Georg Wrba schuf die Brunnen in der Mittelallee und die Bronzefiguren der kriegszerstörten Kapelle. An den Kopfseiten der Pavillons sieht man reich geschmiedete Gitter, die von R. Ruhland gearbeitet wurden.

Das Rudolf-Virchow-Krankenhaus wurde 1945 schwer beschädigt. Mehrere Nebengebäude und Pavillons fielen den Bomben zum Opfer. Die Veränderungen der Nachkriegszeit haben den Bestand weiter reduziert. Die noch erhaltenen Krankenpavillons an der Hauptallee wurden 1979-96 durch zwei blockhafte Baugruppen, die Nord- und Südspange, ersetzt. Gegen den Abriss der nördlichen Pavillons 1988 regte sich öffentlicher Protest, ohne aber die Zerstörung verhindern zu können. Am westlichen Ende der Hauptachse wurden zuletzt zwei Gebäude für Forschung und Lehre errichtet. Das Rudolf-Virchow-Krankenhaus ist seit 1987 Universitätsklinikum. Der Campus ist heute der Charité und damit der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität zugeordnet.


(1) Das 4. allgemeine städtische Krankenhaus in Berlin. in: Deutsche Bauzeitung 33 (1899), S. 90-91; Die neuen Hochbauten der Stadt Berlin. in: Berliner Architekturwelt 2 (1900), S. 429-435; Brüstlein: Das Rudolf-Virchow-Krankenhaus in Berlin. in: Zentralblatt der Bauverwaltung 27 (1907), S. 625-631, 645-649, 658-661; Das Rudolf-Virchow-Krankenhaus am Augustenburger Platz in Berlin. in: Deutsche Bauzeitung 41 (1907), S. 545-546, 549, 553-554, 556-557, 583-585, 601-602, 604-605, 634-636; Hoffmann, Ludwig: Neubauten der Stadt Berlin. Bd. 6. Berlin 1907, S. I-XX, Tafeln 1-50; Gottwald 1924, S. 116-118; Schmitz, Hermann: Ludwig Hoffmanns Wohlfahrtsbauten der Stadt Berlin. Berlin 1927; Rudolf Virchow Krankenhaus. Zum 25jährigen Jubiläum am 26. Oktober 1931. Düsseldorf 1931; 50 Jahre Rudolf-Virchow-Krankenhaus. Festschrift. Berlin 1956; Rudolf-Virchow-Krankenhaus 1906-1956. Berlin 1956; Brandenburg 1974, S. 92-96; 1906 - Rudolf-Virchow-Krankenhaus - 1981. Hrsg. v. Bodo Möhr [Rückentitel: 75 Jahre Rudolf-Virchow-Krankenhaus] Berlin 1981; Schwarz 1981, Bd. 2, S. 172; Stürzbecher 1984, S. 307-308; Schwarz 1984, Bd. 3, S. 130-133; Schimmler 1985, S. 81-82; Reinhardt, Hans J. und Schäche, Wolfgang: Ludwig Hoffmann in Berlin. Die Wiederentdeckung eines Architekten. Berlin 1986, S. 64-68; Dettmer 1988, S. 55; Berlin: Vorgaben für ein Universitätsklinikum. Julius Posener: Warum wollen wir das. was vom Rudolf-Virchow-Krankenhaus noch steht, erhalten? in: Bauwelt 79 (1988), Heft 3, S. 126-127; Frank, Robert: Vom Krankenhaus zum Klinikum Rudolf Virchow - eine Baugeschichte. in: Bauwelt 79 (1988), Heft 3, S. 128-130; Peters, Dietlinde: Das Rudolf-Virchow-Krankenhaus. in: Geschichtslandschaft 1990, S. 357-375; BusB VII A, S. 31, 48-50, 195-196; Dehio Berlin 2000, S. 476-477; Krankenhäuser in Berlin 1989, S. 58-59, 105-114, 290-309.

(2) Das Pavillonsystem, entwickelt von Rudolf Virchow, war damals überall im Krankenhausbau verbreitet. Allerdings regten sich um die Jahrhundertwende schon erste Stimmen gegen diese Bauweise. Es wurde kritisiert, dass Patienten und Personal weite Wege über offenes Gelände zurücklegen müssen. Bei den späteren Krankenhausplanungen hat man die Abteilungen und Krankensäle wieder in großen Hauptgebäuden vereint. Ein frühes Beispiel ist das Jüdische Krankenhaus.

Literatur:
  • Stahl, Fritz, Ludwig Hoffmann in
    Berliner Architekturwelt Sonderheft 14 (1914) / Seite 7f., 105f.
  • Ludwig Hoffmann, 1983 / Seite 135f.
  • Schmitz, Hermann/ Ludwig Hoffmanns Wohlfahrtsbauten der Stadt Berlin, Berlin 1927 / Seite 13ff.
  • Posener, Berlin auf dem Wege, 1979 / Seite 116ff.
  • Peters, Dietlinde/ Das Rudolf-Virchow-Krankenhaus in
    Geschichtslandschaft, Wedding, 1990 / Seite 357-375
  • Topographie Mitte/Wedding, 2004 / Seite 200f.