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Rundfunkzentrum Nalepastraße

Obj.-Dok.-Nr.: 09020102
Bezirk: Treptow-Köpenick
Ortsteil: Oberschöneweide
Strasse: Nalepastraße
Hausnummer: 18 & 20 & 24 & 28 & 32 & 36 & 40 & 44 & 48 & 50
Strasse: Rummelsburger Landstraße
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Funkhaus & Studio & Pförtnerhaus & Pumpstation
Datierung: 1951-1956
Entwurf: Ehrlich, Franz (Architekt)
Entwurf: Probst, Gerhard (Rundfunktechniker)
Bauherr: Staatliches Rundfunkkomitee

Das Funkhaus an der Nalepastraße 10-50, ein herausragendes Werk der Baukunst in der DDR, (1) vermittelt die Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit und die tastende Suche nach einem angemessenen architektonischen Ausdruck für die aufzubauende sozialistische Gesellschaft. Gründung und Aufbau des Rundfunkzentrums folgten der Spaltung Berlins. Der Rundfunk der DDR gab das alte Funkhaus in der Masurenalle in Berlin-Charlottenburg auf, um eine eigene, unabhängige Infrastruktur aufzubauen. Das staatliche Rundfunkkomitee übertrug die Planung dem Architekten Franz Ehrlich, (2) während die technische Einrichtung von Gerhard Propst entworfen wurde. Nach wenigen Monaten Bauzeit konnte 1951 der Sendebetrieb im Block A aufgenommen werden. An den Blöcken B, C und D waren die Arbeiten 1954 weit gehend abgeschlossen. Im Rundfunkzentrum an der Nalepastraße wurden alle überregionalen DDR-Hörfunkprogramme aufgezeichnet, neben Radio DDR 1 und 2 auch Stimme der DDR, Berliner Rundfunk und Jugendradio DT 64. Damit besaß das Funkhaus eine große Bedeutung für die politische Propaganda, für den Kampf um Köpfe und Herzen der Menschen. Mit seinem Musik- und Hörspielprogramm war der Hörfunk zugleich ein wesentlicher Kulturträger der DDR. Mit dem Untergang der DDR kam auch das Ende des Funkhauses. Das letzte Hörspiel wurde 1995 aufgenommen. Seitdem steht das Rundfunkzentrum weitgehend leer.

Die architektonische Gestaltung überrascht, wenn man sich die Staatsbauten der stalinistischen Ära in Erinnerung ruft. Das Funkhaus zeigt keine vordergründigen Anleihen an die nationale Bautradition. Franz Ehrlich hielt vielmehr an einer modernen Grundhaltung fest. Der funktionale Aufbau verbindet sich mit einer strengen Gliederung und monumentalen Erscheinung. Unverkennbar folgte der Architekt der monumentalen Moderne, einer weit verbreiteten Strömung in der Baukunst der Zwischenkriegszeit. Mit der modernen, aber doch kraft- und würdevollen Architektur konnte das Rundfunkzentrum einen eigenständigen Weg alternativ zur stalinistischen Baudoktrin aufzeigen.

Das Rundfunkzentrum besteht aus funktional getrennten Blöcken, die sich um ein neungeschossiges Turmhaus gruppieren. Brückenartige Übergänge verbinden die Bauten. Der Turm entfaltet seine dominante Wirkung vor allem vom gegenüberliegendem Spreeufer, dem Plänterwald in Berlin-Treptow. Franz Ehrlich verzichtete auf repräsentative Auffahrten und Zugänge. Im fünfgeschossigen Hauptgebäude, dem Block A, lagen Sprecher- und Studioräume, Probesäle und Schaltanlagen für die Studiotechnik, während der blockhafte Turm von der Verwaltung des Funkhauses genutzt wurde. Block A entstand durch Umbau und Erweiterung einer großen Holzverarbeitungsfabrik. (3) Der Betonskelettbau wurde mit roten Klinkern verkleidet und mit Lisenen aus Sandstein versehen, die eine strenge vertikale Gliederung ausbilden. Die stegartigen Vorlagen besitzen keine konstruktive Bedeutung, sie geben dem Bauwerk aber eine gewisse Monumentalität, ohne schwer und erdrückend zu wirken. Mit dem gestuften Kranzgesims, abgesetzt durch eine verschattete Kehle, ergibt sich ein elegant schwebender Dachabschluss.

Der Block B mit seinem außergewöhnlichen Grundriss ist der bedeutendste Teil der Anlage. Vier Musikaufnahmesäle und zwei Hörspielkomplexe, die aus akustischen Gründen trapezförmig angelegt sind, schließen sich zu einem Bogensegment zusammen. Die Rundfunktechnik verlangte nach dem Vorbild des Rundfunkhauses in der Masurenallee eine Haus-in-Haus-Konstruktion. Um Schallübertragungen zu vermeiden, erhielten alle Aufnahmeräume eigene Fundamente und separate Wände. Über dem Stahlbetonskelett spannen sich weite Gelenkbogenbinder. Der Architekt bildete einen wuchtigen, fensterlosen Kopfbau aus, der diese Konstruktion verbirgt. Mächtige Eckmassive rahmen ein Mittelfeld mit vorgelegten Lisenen. Im gedrungenen Erdgeschoss geben Säulen den Rhythmus vor. Der Eingang liegt nicht etwa in der Mittelachse, wie man angesichts der imposanten Front vermuten könnte, sondern ganz unauffällig am linken Rand des Mittelfelds. Der Große Aufnahmesaal wird durch einen inszenierten Aufgang erschlossen. Von der großzügigen Eingangshalle führt eine Freitreppe zum Foyer im Obergeschoss. Die schwarz verputzten Stützen mit rot abgesetztem Echinus unterscheiden sich deutlich von allen klassischen Vorbildern. Den Wänden des Großen Aufnahmesaals hat Franz Ehrlich - mit sichtbarem Abstand - Halbsäulen vorgesetzt, die dem Saal einen festlichen Rahmen geben, aber zugleich akustische Aufgaben erfüllen, ebenso wie die Holzgitterabdeckungen der Wandfelder und die tonnenförmigen Segmente der Decke. Das Orchester spielt nicht auf einer Bühne, sondern in einer stufenförmigen Vertiefung.

Die kleineren Musiksäle und Studios sind zu einem viertelkreisförmigen Flügel zusammengefasst, der ein durchdachtes Erschließungssystem aufweist. An der Innenseite des Bogensegments verläuft der Zugangsweg der Techniker, außen hingegen ein verglaster Umgang, der den künstlerischen Mitarbeitern vorbehalten war. Franz Ehrlich konnte hier unmittelbar auf die Bauhaus-Moderne zurückgreifen. Die Außenwand ist ganz in Glas aufgelöst, so dass der Raum voller Licht erscheint. In den Hörspielstudios des Blocks B ist die ursprüngliche Ausstattung erhalten geblieben, die zu einer Zeit geschaffen wurde, als man Geräusche noch nicht elektronisch erzeugen konnte. Türen zum Zuschlagen, eine Treppe mit Holz-, Teppich und Steinbelag, Böden aus Kies und knarrenden Dielen wurden genutzt, um den Hörspielen eine authentische Geräuschkulisse zu geben. Die technische Ausrüstung der Studios, Regie- und Aufnahmeräume war maßstabsetzend für Rundfunk und Fernsehen in der DDR.


1) Ehrlich, Franz: Aufnahme- und Studiogebäude des Staatlichen Rundfunkkomitees. in: Deutsche Architektur 5 (1956), S. 399-409; Architekturführer 1974, S. 136; Vor 25 Jahren. Damals: Ein Funkhaus der neuesten Technik. in: Beiträge zur Geschichte des Rundfunks 15 (1981), Heft 1, S. 60-62; Metz, Karl; Stankoweit, Werner: Funkhaus Nalepastraße - Pioniertat von Arbeitern und Technikern. in: Beiträge zur Geschichte des Rundfunks 16 (1982), Heft 1, S. 23-43; Schöbe, Lutz: Franz Ehrlich. Beitrag zu einer Monographie. Diplomarbeit an der Humboldt-Universität Berlin. Berlin 1983, S. 104-106 [Exemplar in der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität Berlin]; Kohlenbach, Bernhard: Franz Ehrlich - ein Architekt zwischen Bauhaustradition und DDR-Baudoktrin. in: Stalinistische Architektur unter Denkmalschutz? Eine Tagung des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz in der Architektenkammer Berlin 6.-9. IX. 1995. [München] 1996, S. 44-48; Hoffmann-Axthelm, Dieter: Eine Entdeckungsreise: Drei Bauten von Franz Ehrlich. in: Bauwelt 87 (1996), S. 1518-1539; Architekturführer Berlin 1997, S. 354; Uhlig 1997, S. 193-194; Bärthel 1999, S. 117-119.

2) Literaturauswahl zu Leben und Werk des Architekten: Franz Ehrlich. Bauhausideen im Werk eines Architekten. in: Kultur im Heim 1977, Heft 6, S. 14-17; Franz Ehrlich. in: Bauhaus 2. Ausstellungskatalog Leipzig 1977, S. 26-33; Franz Ehrlich. Die frühen Jahre. Arbeiten der Jahre 1927-1938. Aquarelle, Collagen, Malerei, Montagen, Objekte, Plastik, Zeichnung. Bauhaus 4. Ausstellungskatalog Leipzig 1980; Bauhaus und Wissenschaftsgebäude. Nach Gesprächen mit dem Architekten Franz Ehrlich aufgezeichnet von Sonnhild Kutschmar. in: Spectrum 13 (1982), Heft 8; S. 30-32; Schöbe, Lutz: Franz Ehrlich. Beitrag zu einer Monographie. Diplomarbeit an der Humboldt-Universität Berlin. Berlin 1983 [Exemplar in der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität Berlin]; Schöbe, Lutz: Franz Ehrlich - Aspekte seines Schaffens. in: Franz Ehrlich 1907-1984. Ausstellungskatalog Bauhaus Dessau, Kunst und Gestaltung. Dessau 1988, S. 2-5; Hirdina, Heinz: Gestalten für die Serie. Design in der DDR 1949-1985. Dresden 1988, S. 373 (mit Bibliographie).

3) Der viergeschossige Holzverarbeitungsfabrik wurde vermutlich um 1935 errichtet. Im Zweiten Weltkrieg diente der Bau der Dyckerhoff & Widmann AG als Fabrik für Munitionskisten.

Literatur:
  • Architekturführer Berlin, 1991 / Seite Nr. 666
  • BusB / Seite 142-145, 222
  • Ehrlich, Franz/ Aufnahme- und Studiogebäude des Staatlichen Rundfunkkomitees in Deutsche Architektur 5 (1956) 9 / Seite 399-409
  • Franz Ehrlich 1907-1984. Kunst und Gestaltung, Ausstellungskatalog Bauhaus Dessau, Dessau 1988Kohlenbach, Bernhard/ Franz Ehrlich - ein Architekt zwischen Bauhaustradition und DDR-Baudoktrin. Das Funkhaus in der Nalepastraße in Stalinistische Architektur / Seite 1518-1540
  • Topographie Treptow-Köpenick/Nieder- und Oberschöneweide, 2003 / Seite 100-103
  • Engelhardt, Dirk: Der Klang der Zeit - Ehemaliges DDR-Rundfunkareal, in: tip Berlin, 46. Jg., 24/2017 / Seite 8-12