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Parochialkirche & Kirchplatz

Obj.-Dok.-Nr.: 09011257
Bezirk: Mitte
Ortsteil: Mitte
Strasse: Klosterstraße
Hausnummer: 66 & 67
Strasse: Waisenstraße
Hausnummer: 27
Strasse: Parochialstraße
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Kirche & Kirchplatz
Entwurf: 1695
Datierung: 1695-1705
Umbau: 1713 & 1991
Entwurf: Nering, Johann Arnold (Architekt)
Entwurf: Grünberg, Martin (Architekt)
Bauherr: Parochialgemeinde

Ein außergewöhnliches Beispiel barocken Berliner Kirchenbaus der Zeit um 1700 war bis zu ihrer Teilzerstörung 1944 die Parochialkirche, Klosterstraße 66. Den Entwurf für einen Zentralbau in Form einer überkuppelten Vierkonchenanlage mit zentralem Turm und Vorhalle für die Reformierte Gemeinde hatte Johann Arnold Nering 1694 nach italienischen und holländischen Vorbildern erstellt. Für den Berliner Raum ist die Anlage einzigartig. Nach dem Tod Nerings 1695 wurde der Bau vereinfacht von Martin Grünberg ausgeführt. Er zog den Turm nach dem Einsturz des mittleren Gewölbes über der Vorhalle im Jahre 1698 in die Straßenflucht vor und ersetzte Werksteinelemente der Fassaden wie Säulen, Gebälk und Bauschmuck durch eine Strebepfeilerarchitektur mit schlichter Wandfelderung, beziehungsweise durch eine Pilastergliederung. Anstelle geplanter Kuppeldächer erhielt die Kirche ein gefaltetes Satteldach. Trotz der deutlich vereinfachten Gestaltung war der Bau mit seiner Vorhalle, die mit einem von Säulen flankierten Portalrisalit unter Dreiecksgiebel geschmückt ist, und dem Turmaufsatz mit offenem Glockengeschoss und obeliskartiger Spitze in seinen kräftig-plastischen Formen von einer charaktervollen Monumentalität und Vorbild für spätere Kirchenbauten in der Region. Der Turm, vermutlich nach Entwürfen von Jean de Bodt erbaut, wurde 1713-15 von Philipp Gerlach aufgestockt. (1)

Von besonderer Bedeutung und Seltenheit sind die erhaltenen ältesten Teile der Parochialkirche, die Gruftgewölbe im Kellergeschoss. Seit 1701 wurden hier Erbbegräbnisse angelegt. Mehrere hundert mumifizierte Bestattungen in historisch und teilweise kunsthistorisch wertvollen Särgen und Sarkophagen aus dem 18. und 19. Jahrhundert befinden sich noch in den Grabkammern. Trotz Zerstörungen und Plünderungen an den Bestattungen ist hier ein einmaliger baulicher- und sepulkralgeschichtlicher Zusammenhang überliefert.

Ausgebrannt bis auf die Umfassungsmauern, erhielt die Kirche 1950-51 ein neues Dach in ursprünglicher Form und der eingestürzte Turm ein Notdach.

Erst 1991 begannen umfangreiche Restaurierungsarbeiten. Bei der Wiederherstellung der Kirche sollen die Wunden, die der Krieg geschlagen hat, erkennbar bleiben und die Kirche ihren Charakter als Erinnerungsort an die Schrecken des Krieges nicht verlieren.


1) Die Aufstockung des Turmes war für das Glockenspiel aus dem eingestürzten Münzturm von Andreas Schlüter konzipiert, das jedoch bereits 1717 ersetzt wurde. Glockengeschoss und Turmspitze waren aus mit Kupferblech beschlagenem Eichenholz errichtet. Vgl. Badstübner/Badstübner-Gröger 1987, S. 192f. Vgl. auch S. 38ff., 192f.; BusB VI, 18f., 351.

Literatur:
  • Bau- und Kunstdenkmale Berlin I, Berlin 1983 / Seite 66ff.
  • BusB I/II 1877 / Seite 35, 40, 81, 86, 121
  • BusB II/III 1896 / Seite 150f.
  • Dehio, Berlin, 1994 / Seite 61f.
  • Badstübner, Kirchen, 1987 / Seite 38ff., 104, 192f. (193: weitere Literaturangaben)
  • Müther, Bautradition, 1956 / Seite 86
  • Frecot, Geisert/ Berlin, 1984 / Seite 93
  • Missmann/ Das große Berlin, 1993 / Seite 18
  • Wohlberedt/ Grabstätten, 1932-1952 / Seite Teil I, 38; Teil II, 119f; Teil III, 226.
  • Topographie Mitte/Mitte, 2003 / Seite 206 f.