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Friedhof I. der Französisch-reformierten Gemeinde mit Einfriedungsmauer und Grabstätten

Obj.-Dok.-Nr.: 09010187
Bezirk: Mitte
Ortsteil: Mitte
Strasse: Chausseestraße
Hausnummer: 127
Denkmalart: Gartendenkmal
Sachbegriff: Friedhof
Datierung: ab 1780

Der Friedhof I der Französisch-reformierten Gemeinde hat seinen Eingang an der Chausseestraße 127. Von der Straße und vom Friedhof der Dorotheenstädtischen und Friedrichswerderschen Gemeinde wird er teilweise durch eine alte Kalksteinmauer abgeschirmt. (1) Der 1780 nordwestlich des Oranienburger Tores eröffnete Friedhof entwickelte sich rasch zum Hauptbegräbnisplatz der Französischen Gemeinde. (2) Von dem ursprünglichen Wegesystem, das wohl der traditionellen Form - ein Wegekreuz mit einem entlang der Einfriedung führenden Umgehungsweg - entsprochen hat, sind noch der vom Eingangsportal ausgehende Hauptweg, eine mittige Querachse sowie die Wege an der östlichen und der westlichen Seite erhalten. Der Baumbestand besteht überwiegend aus Spitzahorn, zahlreichen Robinien, Rosskastanien, Linden, Ulmen und anderen Laubbäumen, wobei insbesondere die großkronigen mehr als 150 Jahre alten Robinien, (3) einige ältere Ahorn und Linden in lockerer Anordnung das Erscheinungsbild des Friedhofs mitbestimmen. An dem breiten viergeteilten Hauptweg, in der Mitte von Hecken aus chinesischem Flieder gerahmt, stehen Reste einer Baumreihe aus alten Robinien und ungleichaltrigen Ahorn.

Obwohl nur wenige Grabstätten aus dem 19. Jahrhundert erhalten sind, bezeugen diese die große Bedeutung der Hugenotten für das geistige, kulturelle und wirtschaftliche Leben der Stadt. Die Querachse in der Friedhofsmitte führt auf das von Karl Friedrich Schinkel 1840 entworfene klassizistische Grabmal für den Prediger, Lehrer und Staatsbeamten Jean Pierre Frédéric Ancillon, einem Marmorsarkophag auf hohem Sockel nach antikem römischen Vorbild. (4) Von zwei alten Robinien beschattet, befindet sich in der Nähe das gusseiserne klassizistische Grabmal des Schauspielers Ludwig Devrient, das dem Typ einer Ara nachgebildet ist. (5) Auch das gusseiserne Grabkreuz der Marie Anne Dutitre (1748-1827) in der Nachbarschaft ist ein hervorragend gearbeitetes Werk aus der Königlichen Eisengießerei. Als Point de vue der nordwestlichen Querachse erscheint das von Heinrich Pohlmann geschaffene Grabmal des Komponisten Franz Bendel, ein sandsteinerner Obelisk mit Bildnismedaillon und einer trauernden Muse mit Lyra und Lorbeerkranz. (6) Ein nach 1930 angelegter diagonaler Weg führt an den sieben großen Sandsteinsarkophagen der Familie Jouanne aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit eingemeißelten klassizistischen Inschriften vorbei zum benachbarten Friedhof. Im westlichen Friedhofsteil beherrscht das von Friedrich August Stüler konzipierte Baldachingrab für den Kaufmann und Kunstsammler Peter Louis Ravené das Erscheinungsbild des Friedhofs. (7) Der Sarkophag ist zusammen mit der liegenden Figur des Verstorbenen und den beiden, das Fußende flankierenden Engeln aus Bronzeguss ein Werk von Gustav Bläser. Von kulturgeschichtlicher Bedeutung sind auch die Gedenkanlage für den berühmtesten Künstler der französischen Gemeinde, den Maler und Kupferstecher Daniel Chodowiecki (1726-1801), und die Grabstätte des Historienmalers Carl Steffek (1818-1890). Heute sind auf dem Friedhof zahlreiche neue Grabstätten vorhanden, denen nach 1945 viele historische Grabanlagen weichen mussten.


1) Vgl. Etzold/Türk 1993, S. 14.

2) Vgl. Muret 1885, S. 96; Fuhrich-Grubert 1992, S. 71. Der erste Gemeindefriedhof wurde 1672 in Nähe des Französischen Hospitals nördlich der heutigen Claire-Waldoff-Straße angelegt. Nach seiner Schließung 1775 wurde sein Gelände gärtnerisch genutzt, bis 1810 wurden Maulbeerbäume, danach Kirschen angepflanzt. Vgl. Fuhrich-Grubert 1992, S. 69; Selter-Plan von 1826; Sineck-Plan von 1856.

3) Robinie, Robinia pseudoacacia, stammt aus dem östlichen Nordamerika. Sie wurde von dem französischen Hofgärtner Jean Robin (1550-1629) um 1600 aus Virginia nach Paris eingeführt, gelangte als Ziergehölz und Alleebaum in weitere europäische Länder und wurde 1720 erstmals im Gutspark Alt-Britz 73 von Berlin-Neukölln angepflanzt.

4) Jean Pierre Frédéric Ancillon (1767-1837), 1790 Prediger der französischen Gemeinde, ab 1810 Erzieher des Kronprinzen Friedrich Wilhelm (Friedrich Wilhelm IV), 1814 Berufung ins Außenministerium, ab 1832 Außenminister.

5) Ludwig Devrient (1784-1832), bedeutender Schauspieler der romantischen Periode, ab 1815 Leiter des Königlichen Schauspielhauses, war mit E.T. A. Hoffmann befreundet.

6) Franz Bendel (1833-1874), Komponist, Klavierlehrer an der Akademie für Tonkunst.

7) Peter Louis Ravené (1793-1861), Geheimer Kommerzienrat, Industrieller, Kunstsammler. E. Ackermann vollendete 1867 die überdachte romanisierende Säulenhalle.

Literatur:
  • Topographie Mitte/Mitte, 2003 / Seite 654 f.