26.07.2000
Studentendorf Schlachtensee: Denkmal und Ort der "Sozialisation"
In ihrem "Konzept über den langfristigen Umgang mit Studentenwohnheimen" vom 11. Mai 2000 charakterisiert die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur Studentenwohnheime als Orte der Sozialisation, "die die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch und gegenseitiger Hilfestellung" bieten und "insbesondere die Integration ausländischer Studierender fördern und damit einen wesentlichen Beitrag zur gewünschten Internationalisierung unserer Hochschulen leisten". Es wird desweiteren ein Mindestbedarf an Wohnheimplätzen ermittelt, der grösser ist "als derzeit zur Verfügung stehen".
Deshalb bleibt es unverständlich, dass der im Januar dieses Jahres gefasste Senatsbeschluss, der die Vernichtung des unter Denkmalschutz stehenden Studentendorfes Schlachtensee zugunsten einer gehobenen Wohnbebauung vorsieht, weiterhin uneinsichtig verfolgt und Alternativen nicht in Betracht gezogen werden. Spätestens zum Februar 2001 soll es keine Studierenden mehr im Dorf geben. Schon jetzt werden Bewerber abgewiesen, obwohl sich auch der Vorstand des Studentenwerkes am 12. Mai 2000 erneut für den Erhalt des Studentendorfes und seine Sanierung ausgesprochen hat.
Von seiner Gründung bis heute ist das Studentendorf Schlachtensee ein Ort der geforderten "Sozialisation", der es entsprechend der Gründungsidee ermöglicht, dass studentisches Gemeinschaftsleben stattfinden und internationale Kontakte entstehen können. Für die Freie Universität ist die Anlage für die Unterbringung vor allem ausländischer Stipendiaten unverzichtbar, wie ihr Präsident in einer gemeinsamen Presseerklärung mit dem Landesdenkmalrat vom 11. Februar und in einem Brief vom 28. Juni 2000 an das Berliner Abgeordnetenhaus betont hat.
Schon in seinem Votum vom 10.9.1999 und in einem Offenen Brief an die Abgeordneten vom 17.9.1999 hat der Landesdenkmalrat dagegen protestiert, dass dieser einmalige Ort, der neben seiner ausserordentlichen bauhistorischen Bedeutung einen hohen Symbolwert für die Nachkriegsgeschichte Berlins besitzt, wirtschaftlichen Interessen geopfert werden soll, deren Einlösung sich obendrein als Illusion erweisen könnte. Der seltene Fall, dass ein hochrangiges Ensembledenkmal in kontinuierlicher Nutzung ist und weiterhin dringlich gebraucht wird, sollte nicht zuletzt unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit den zuständigen Senatsbehörden Anlass geben, ihre Denkmalpolitik im Fall "Schlachtensee" zu revidieren und endlich auch die Baudenkmale der Nachkriegsmoderne in ihrem Bestand zu respektieren. Der Staat darf sich nicht der Verantwortung entziehen, die jedem privaten Denkmaleigentümer abverlangt wird. Der Landesdenkmalrat Berlin wiederholt deshalb seine Forderung, das Studentendorf Schlachtensee als ganzes und in seiner Funktion für studentisches Wohnen zu erhalten.
Prof. Dr. Adrian von Buttlar
Vorsitzender des Landesdenkmalrates |
Dipl.-Des. Marion Petra Huhn
Mitglied des LDR
(Arbeitsgruppe Baudenkmale der Moderne) |
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