Denkmal  
 

Tag des offenen Denkmals 2013

Einführung in das Schwerpunktthema 2013
Unbequeme Denkmale am Berliner Tag des offenen Denkmals 2013


Martin-Luther-Gedächtniskirche; Fotos: Wolfgang Reuss

Es war Norbert Huse, der verstorbene Schinkelpreisträger und langjährige Berater der Berliner Denkmalpflege, der mit seinem Essay Unbequeme Baudenkmale. Entsorgen? Schützen? Pflegen? (1997) für einen kritischen Denkmalbegriff plädierte, der weder allein dem Schönen und Guten oder Vorbildlichen noch gar dem Populären vorbehalten sein, sondern die historische Aussagekraft zum Gradmesser der Denkmalbewertung und -behandlung machen sollte. Bauwerke, Gartenanlagen und Bodenzeugnisse galten dem Münchener Ordinarius für Kunstgeschichte selbst dann als erinnerungs- und erhaltungswürdig, wenn sie weder ansprechend gestaltet noch ideal geformt, sondern unscheinbar, ja unansehnlich, aber historisch bedeutend und zudem lehrreich waren. Denkmale der Fabrikproduktion und des Großstadtverkehrs können dazu gehören – Moabit, Siemensstadt oder Schöneweide verkörpern für die Industriemetropole Berlin, was Schlösser und Gärten oder die Museumsinsel für die Kulturmetropole bedeuten – oder schnörkellose Anlagen einer abstrahierenden Moderne. Denkmalwerte sind sogar Objekten eigen, die dunkle Seiten unserer Vergangenheit repräsentieren, die etwa für Krieg und Gewaltherrschaft, für Verfolgung und Unterdrückung, eben für leidvolle Erfahrungen und ihre Aufarbeitung stehen.

Mit ihrem Themenschwerpunkt „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“ greift die Deutsche Stiftung Denkmalschutz eine Berliner Anregung auf und stellt den Tag des offenen Denkmals 2013 deutschlandweit in die Nachfolge der von Norbert Huse angestoßenen Denkmaldebatten. Sperrige und spröde Geschichtszeugnisse oder auch junge Bau- und Bildwerke der Nachkriegs- und Vorwendezeit erfreuen sich vielleicht nicht derselben öffentlichen Aufmerksamkeit und Wertschätzung wie traditionsreichere und bildmächtigere Architektur- und Gartendenkmale oder archäologische Stätten, aber gerade für das Verständnis unserer jüngeren Vergangenheit kann man ihnen einen hohen Dokumentationswert und ein spezifisches Anschauungspotenzial bescheinigen. Der 80. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933, 75 Jahre Novemberpogrom 1938 oder der Aufstand vom 17. Juni 1953 mögen ein zusätzlicher Anlass sein, sich auch weniger populären Denkmalfacetten zuzuwenden.

Berlin gilt als eine Stadt der Brüche und Diskontinuitäten, namentlich für die wechselvolle Geschichte Deutschlands im letzten Jahrhundert. Entscheidende Entwicklungen haben von der deutschen Hauptstadt ihren Ausgang genommen und im Stadtbild ihren unverwechselbaren Niederschlag gefunden. Die Ausstellung Archäologie des Grauens, mit der der kürzlich verstorbene Berliner Landesarchäologe a.D. Wilfried Menghin die von seinem Amtsvorgänger Alfred Kernd’l initiierte NS-Archäologie aufnahm und bereits 2005 auf verschüttete und verdrängte Denkmalschichten des Zweiten Weltkriegs aufmerksam machte, leistete erstmals mit den Methoden der Bodendenkmalpflege einen Beitrag zur Aufarbeitung der jüngeren Berliner Regional- und Zeitgeschichte. Wenn es stimmt, dass Berlin als touristische Destination das „Rom der Zeitgeschichte“ ist, dann bietet der Tag des offenen Denkmals 2013 auch Berlinern reichlich Gelegenheit, sich mit Sehenswürdigkeiten ihrer Stadt vertrauter zu machen, um derentwillen Besucher aus der ganzen Welt in die Stadt kommen. Dass solche Denkmale und Gedenkorte bisweilen als unbequem gelten, tut ihrer geschichtlichen Bedeutung und der Faszination, die sie überregional ausüben, keinen Abbruch.


Prof. Dr. Jörg Haspel
Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamtes Berlin


Foto: Martin-Luther-Gedächtniskirche, Wolfgang Reuss

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