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Tag des offenen Denkmals 2012

Einführung ins Schwerpunktthema 2012 - Holz ist ein Baustoff mit Geschichte und Zukunft

von Landeskonservator Prof. Dr. Jörg Haspel

Anatomisches Theater (Wiedereröffnung im Herbst 2012); Foto: Wolfgang Bittner
Anatomisches Theater (Wiedereröffnung im Herbst 2012); Foto: Wolfgang Bittner

Holz in der Denkmalpflege ist ein breit gefächertes Thema: Das Spektrum reicht von den ältesten Bodendenkmalen Berlins bis zur ganz aktuellen Frage, ob es sich lohnt, hölzerne Kastendoppelfenster zu sanieren. Über die geschichtliche Bedeutung von Holz erfährt man mehr am Tag des offenen Denkmals, doch auch sein Wert für eine nachhaltig wirtschaftende Gesellschaft wird immer deutlicher.

Holz, das ist ein Stoff, aus dem die meisten Bau-, Boden- und Gartendenkmale in Berlin zumindest teilweise sind. Holz, das ist im Zeitalter der modernen Stahl- und Glaskonstruktionen, der Betonbauweise und Kunststofflösungen aber ein Baustoff, der seltsam unzeitgemäß erscheint, eher der Tradition und dem Handwerk verpflichtet, kaum geeignet als konkurrenzfähiges Baumaterial zur Erfüllung aktueller und künftiger Anforderungen an eine nachhaltige Bau- und Denkmalkultur. Stahl- und Betonkonstruktionen verdrängen Holzbalkendecken und Dachstühle, Plastik- und Aluminiumfenster treten an die Stelle von hölzernen Sprossen- und Kastenfenstern, pflegeleichte Teppichböden ersetzen oder verdecken Dielen- und Parkettfußböden, schwere Holzflügelportale sollen automatischen Glasschiebetüren weichen. In Parks und Gärten geraten Pergolen, Zäune oder Bänke unter den Druck von Metall- und Kunststoffangeboten.

Der Bau- und Werkstoff Holz ist aber auch – und darauf hat die Ökologie- und Klimadiskussion der letzten Jahre hingewiesen – eine Art erneuerbarer, weil nachwachsender Rohstoff, bestens geeignet als ökologisches Bau- und Konstruktionsmaterial oder für die Innenausstattung in der Denkmal- und Altbausanierung sowie im Neubau. Holzkonstruktionen und Holzelemente sind erfahrungsgemäß gut reparatur- und erneuerungsfähig, können in der Regel ökologisch einwandfrei – weil rückstandsfrei – entsorgt werden und gelten überdies als gesundheitlich und ästhetisch völlig unbedenklich. Holz, so möchte man meinen, wäre demnach ein Baustoff, der nicht nur der Vergangenheit angehört und für die Denkmalpflege unverzichtbar bleibt, sondern dem Traditionsbaustoff Holz und dem Holzhandwerk möchte man aus Gründen der Energiebilanz und Baubiologie sogar eine gute Zukunft vorhersagen.

Neben der Geschichtlichkeit und Schönheit des Materials und seiner werkgerechten Verarbeitung, neben der konservatorischen Bedeutung und dem ökologischen Nutzen von Holz darf seine generationenlange Haltbarkeit nicht unterschätzt werden: Es sind nicht nur hölzerne Kastenbrunnen oder Wasserröhren, die als Bodenfunde der Vor- und Frühgeschichte oder Mittelalterarchäologie Zeugnis von einer Jahrhunderte zurückreichenden Überlieferung ablegen, auch etliche Dachtragwerke von Berliner Stadt- und Dorfkirchen sind dendrochronologisch für das 13. und 14. Jahrhundert nachgewiesen, haben also längst den Stresstest als dauerhaftes Material bestanden, für den modernste Baumaterialien und Baukonstruktionen noch Generationen benötigen werden. Zahlreiche Fachwerkwände und hölzerne Konstruktionsdenkmale wie der Barockdachstuhl im Schloss Köpenick oder die Bohlenbinderkuppel des Anatomischen Theaters, aber auch Ausbauteile und Ausstattungselemente der letzten 200 Jahre aus Holz stehen für eine nachhaltige Baukultur und werben für eine Renaissance dieses Baustoffs.

Orts- und Straßennamen, die nach dem natürlichen Baustoff oder Holz verarbeitenden Gewerken benannt sind, wie die seit dem späten 17. Jahrhundert nachweisbare Holzmarktstraße, aber auch die Zimmerstraße, erinnern allenthalben in der Großstadt an einen der wichtigsten und ältesten Zweige des Holzhandwerks.

Dabei handelt es sich nicht nur um Meister und Gesellen des Zimmerer- und Schreiner- oder Tischlerhandwerks, sondern um eine breite Palette von Kenntnissen und Fertigkeiten, die bis heute in der Altbausanierung und Denkmalpflege gefragt sind, darunter auch echte Kunsthandwerker: Parkettleger gehören dazu, auch Bodenleger und Glaser im Fenster- und Fassadenbau oder Maler und Lackierer, Holzbildhauer oder Intarsienmacher. Holzschutzsachverständige sind heute unentbehrlich, wenn es um Schadensbeseitigung und Schadensvermeidung geht, und die Dendrochronologie versorgt die Bau- und Bodendenkmalpflege mit Daten zur historischen Datierung von Holzfunden und Holzkonstruktionen.

Mit dem bundesweiten Schwerpunktthema und Baustoff Holz sind also nicht nur interessierte Eigentümerinnen und Eigentümer und engagierte Initiativen aufgerufen, sich mit geeigneten Objekten am Berliner Tag des offenen Denkmals zu beteiligen. Zur Mitwirkung eingeladen sind auch eine ganze Reihe von materialspezifischen Partnern der Konservatoren und Archäologen und die einschlägigen Branchen der Holzwirtschaft und des Holzhandwerks einschließlich der Holzrestaurierung. Die von der Wüstenrot Stiftung 2008–12 mustergültig sanierte und restaurierte Aula der Kunsthochschule Berlin-Weißensee von Selman Selmanagić oder die von der Hermann Reemtsma Stiftung und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz großzügig geförderte Sanierung und Restaurierung des sogenannten Anatomischen Theaters auf dem Gelände der Humboldt-Universität, die ebenfalls 2012 zum Abschluss kommt, zählen zu den aktuellen Schlüsselprojekten der Berliner Denkmalpflege, die Handwerker, Restauratoren, Techniker und Experten mit Architekten und Konservatoren zu einer hochkompetenten Werkgemeinschaft in Sachen Holz zusammenführten. Im Programmheft sind mit den Berliner Forsten überdies Produzenten des nachwachsenden Rohstoffs mit von der Partie. Insbesondere die Berliner Park- und Gartendenkmalpflege arbeitet mit der Waldpflege der Forstwirtschaft zusammen, so wie der Park- und Gartendenkmalschutz mit dem Baum- und Pflanzenschutz kooperiert.