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Tag des offenen Denkmals 2012 / Schwerpunkt Holz

Hölzerne Schmuckböden: Vergessene Schönheiten – mit Füßen getreten


Auch am diesjährigen Tag des offenen Denkmals wird es nicht anders sein: Sie als Besucher bestaunen Bauten und Räume, Deckenfriese und Wandmalereien, Getäfel und Mobiliar. Zu einem Raumdetail jedoch findet der Blick selten den Weg, wenn wir nicht gerade stolpern: zum Fußboden. Die Königsdisziplin feiner Fußböden war seit der Antike der gestaltete Steinboden, alle anderen Böden waren mit Holzdielen belegt, bäuerliche Wohnräume lange Jahrhunderte zum Teil sogar nur mit gestampftem Lehm.


Foto 01: Marketerieboden um 1853, Detail (aus: Oranienburger Str. 27 in Mitte, Vorderhaus, 2. OG, Raum G), Quelle: akanthus Restaurierungen Projekt 1196 Ora27, © Eberhard Roller
Foto 01: Marketerieboden um 1853, Detail, Quelle: akanthus Restaurierungen Projekt 1196 Ora27, © Eberhard Roller

Foto 02: aufwendige Friesgestaltung um 1853, Ausschnitt (aus: Oranienburger Str. 27 in Mitte, Vorderhaus, 1. OG, Raum A), wohl wertvollster erhaltener Boden der Epoche, Quelle: akanthus Restaurierungen Projekt 1196 Ora27, © Eberhard Roller
Foto 02: aufwendige Friesgestaltung um 1853, Ausschnitt, Quelle: akanthus Restaurierungen Projekt 1196 Ora27, © Eberhard Roller

Foto 03:  feine Schablonenmalerei auf einer Bodendiele aus Kiefer, undatiert, Fabrikantenvilla in Finsterwalde, © geborgen von Parkettlegermeister Stefan Procopius, Parkettlegerei Stefan Procopius, 03238 Finsterwalde
Foto 03: feine Schablonenmalerei auf einer Bodendiele aus Kiefer, undatiert, Fabrikantenvilla in Finsterwalde, © Parkettlegerei Stefan Procopius, Finsterwalde

Foto 04: Mosaikboden um 1853, Ausschnitt (aus: Oranienburger Str. 27 in Mitte, Vorderhaus, 1. OG, Raum A), Granatsplitterschäden aus dem Zweiten Weltkrieg mit hell hervortretenden Holzergänzungen geschlossen, Quelle und © Eberhard Roller
Foto 04: Mosaikboden um 1853, Ausschnitt, Quelle und © Eberhard Roller

Foto 05: Marketerieboden um 1853, Ausschnitt (aus: Oranienburger Str. 27 in Mitte, Vorderhaus, 1. OG, Raum C), Quelle und © Eberhard Roller
Foto 05: Marketerieboden um 1853, Ausschnitt, Quelle und © Eberhard Roller

Foto 06: Schmuckfußboden Ovales Kabinett, Detail (aus: Neues Palais Potsdam), Entwurf und Ausführung: Brüder Spindler um 1767/86, © Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Foto: Kathrin Mikszas
Foto 06: Schmuckfuß-
boden Ovales Kabinett, Detail, © Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Foto: Kathrin Mikszas

Der Anfang bei Hofe

Im ausgehenden 17. Jahrhundert wird im neuen Schloss Versailles des französischen Königs Ludwig XIV. im Appartement du Roi erstmals kostbares Eichenholz kunstvoll zu rhythmisch gegliederten Mustern gefügt. Einzelne Holzsegmente werden in der Tischlerwerkstatt vorgerichtet und zu Quadraten handhabbarer Größe konstruktiv zusammengesetzt. Diese sogenannten Tafeln mit identischen Abmessungen werden dicht an dicht – zumeist durch zwischengelegte, lange Dielenleisten getrennt – entlang der Raumdiagonalen ausgelegt. Ein Oberflächenschutz aus Wachs verleiht Glanz. Das Tafelparkett ist geboren.

Diese für damalige Verhältnisse äußerst verschwenderische Art, königliche Pracht in kompletten Zimmerfluchten zu illustrieren, macht rasch Schule. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wird diese Schmuckform selbstverständlicher Teil der immer raffinierter gestalteten Raumkunst europäischer Fürstensitze: Finden sich in Schloss Rheinsberg zu Zeiten des jungen Friedrichs II. sogar in Repräsentationsräumen noch schlichte Dielenböden, zeigt ab 1745 Schloss Sanssouci, nach 1763 das Neue Palais in Hunderten von Räumen Tafelparkett.

Eine gegenüber dem veraltenden Vorbild kunstvolle Steigerung eröffnet ein noch weiteres Gestaltungsspektrum: der Marketerieboden, so der korrekte technische Begriff, die höchste Entwicklungsstufe des Tafelparketts. Tafeln aus preisgünstigem, oft astigem und wenig ansehnlichem Nadelholz erhalten eine Beschichtung, Edelhölzer aller Art werden ganzflächig aufgeleimt. Im Unterschied zum Versailler Tafelparkett aus massiver Eiche genügen jetzt diese Furnierauflagen, um dekorative Wirkungen zu erzielen Das spart erheblich Kosten. Denn nicht in erster Linie die zeitintensive Herstellung bestimmt den Preis, die Handwerksburschen verdienen Hungerlöhne. Nein, die hohen Materialkosten begehrter Edelhölzer werden durch die geringe Stärke dieser Nutzschicht minimiert.

In einem weiteren Crescendo werden nicht mehr wie bisher handhabbare Tafeln gleicher Größen noch in der Tischlerwerkstatt mit identischen Mustern vorgefertigt, sondern in verschiedenen Abmessungen und Formen und erst nach dem Einbau belegt. Zusätzlich reichen Furnierstücke noch über die Fugen zwischen den einzelnen Tafeln hinweg, sodass vollkommen freie Gestaltungen ohne Beschränkung durch Tafelgrößen möglich werden. Die Brüder Spindler haben um 1765 diesen Typus in Räumen des Neuen Palais in Potsdam mit üppigster Blütenpracht und Rokokodekor unvergleichlich in Szene gesetzt. Teils subtile, teils fast schmerzhaft bunte Farbstellungen wurden ermöglicht durch raffinierte Färbungen einheimischer, noch ausdrucksvoller durch kostbare Tropenhölzer. Heute sind sie durch UV-Licht verblasst (siehe Foto 06).

Die frühklassizistischen Marketerieböden des Berliner Stadtschlosses um 1790 gehören hinsichtlich Detailreichtum, handwerklicher Schwierigkeitsgrade und Einbindung in Raumarchitekturen zum Besten, was Europa in dieser Disziplin zu bieten hat (als weiterführende Literatur sei hierzu der Artikel von Burkhardt Göres im aktuell erschienenen Prachtband "Königliches Parkett in preußischen Schlössern" empfohlen). Sie gehen unwiederbringlich im Inferno am Ende des Zweiten Weltkriegs verloren.

Bürgerliche Schönheit

Im nun folgenden Jahrhundert der Industrialisierung erst finden die Nachfolger dieses Raumelements Eingang in die Salons der neuen Klasse des aufstrebenden Bürgertums. Die Berliner Einwohnerzahl wächst in 120 Jahren auf mehr als das Zwanzigfache an, der Bedarf ist enorm.

Das Elend aller Tischlerei, die unvermeidliche Verformung und Schrumpfung von Holz, wenn sich sein Wassergehalt verändert, etwa beim Trocknen nach dem Fällen oder zwischen Sommer und Winter, hat Generationen von Holzhandwerkern beschäftigt. Eine Fülle von Modernisierungsversuchen der Bodengestaltung mit Holz ist aus dieser Zeit belegt, z.B. der Badmeyersche Patentfußboden im Neuen Museum (nach 1847; Kriegsverlust). Die meisten scheitern.

Für die einfachen Wohnungen in den rasch wachsenden Quartieren mit Mietskasernen bleibt es daher beim Dielenboden aus Kiefernholz: letztlich technisch Nut-und-Feder-Brettern ähnlich, wie in Baumärkten angeboten, nur dicker und breiter. Die Dielung wird üblicherweise deckend lackiert mit Leinöl (ebenso wie Leinenstoff oder "Spreewälder Leinöl" aus der Flachs- bzw. Leinpflanze hergestellt); Farbpigmente färben es rotbraun. Heute sind sie bekannt als "abgezogene" Böden in Berliner Altbauquartieren. Dabei werden die rotbraunen Lackschichten komplett abgeschliffen und das Holz wird farblos transparent neu lackiert oder geölt. Vereinzelt zierte diese früher zusätzlich Schablonenmalerei, der wenig Dauerhaftigkeit beschieden war: Die zarten Muster rieben sich rasch ab, von wenigen Ausnahmen wie in Schloss Babelsberg abgesehen ist fast kein Beispiel mehr überliefert (siehe Foto 03).

Den Ansprüchen für die Salons der Beletage – der 1. Stock im Vorderhaus war die bevorzugte Wohnlage – entsprach jedoch etwas Besseres, weil fugenlos: Der für lange Zeit unangefochtene Siegeszug des Tafelparkettbodens findet, rund 200 Jahre nach Versailles, hier Höhepunkt und Ende. Diese Technologie hat sich im Zuge der "Evolution" des Bodenlegerhandwerks als überlegen herausgestellt. Neben zahllos erhaltenen Standardausführungen (siehe Infokasten "Tafelparkett") finden sich im Stadtraum trotz enormer Kriegsverluste vereinzelt noch hochrangige Beispiele (siehe Foto 01, 02, 04, 05) wie etwa im Kunsthof in der Oranienburger Straße, dokumentiert im Beitrag "Träume eines Bankiers – Räume des Spätklassizismus" des Autors im Kunst- und Denkmalführer "Spandauer Vorstadt in Berlin-Mitte".

Die Moderne

Der Bedarf wächst nach der Jahrhundertwende, modernes Stabparkett löst das Tafelparkett weitgehend ab: zusammengefügt aus einzelnen, kurzen Holzleisten ("Stäbchen" / "Riemchen") in einfachen Mustern, häufig im sogenannten Fischgrätverband, bevorzugt aus Eiche und Buche. Nach 1960 tritt neben dieses gehäuft das Mosaikparkett aus kleinen Quadratmustern.

Und was ist mit der Dielung?

Ab 1900 setzt sich für einfache Bodengestaltung das neuartige Linoleum durch, der erste tatsächlich industrielle Bodenbelag aus Textilgewebe, Leinöl und Zusatzstoffen. Jetzt können "von der Rolle" erstmals endlos Bahnen verlegt werden. Später wird es, trotz bester Ökobilanz, selbst zur Antiquität und durch billigere Kunststoffe ersetzt (siehe Beitrag "Restaurierung von Aula und Foyer der Kunsthochschule Berlin-Weißensee von Selman Selmanagić")

Die postmoderne Gegenwart vereint nun all diese Vorläufer in feinster dialektischer Entwicklung zum vorläufig letzten Höhepunkt des Schmuckbodens, wie er bald jede Schnellsanierung ziert: Laminat aus Platten, in zahllosen Varianten bedruckt mit Fotografien diverser Hölzer. Zusätzliche Strukturprägungen verstärken die Holzimitation. Times are changing …

Das Angebot von akanthus Restaurierungen zum Tag des offenen Denkmals finden Sie hier:

Beispiel für eine 'Berliner Tafel' im Verbund (aus: Oranienburger Str. 27 in Mitte, Vorderhaus, 1. OG, Berliner Zimmer), Quelle: akanthus Restaurierungen Projekt 1196 Ora27, © Eberhard Roller<
Beispiel für eine "Berliner Tafel" im Verbund, Quelle: akanthus Restaurierungen Projekt 1196 Ora27,
Foto: Eberhard Roller

Tafelparkett – Standard für die typische "Berliner Tafel"

Blindboden
  • Konstruktion: Dielenbretter, mit breiten Fugen auf Deckenbalken genagelt
Bodenspiegel / Mittelfeld
  • Konstruktion: quadratische Tafeln aus verleimten Kiefernbrettern geringer Qualität
  • Kantenlänge einer Tafel: 2 Fuß (1 preußischer Fuß ≤ 31,38535 cm)
  • Dicke einer Tafel gesamt: ca. 1,5 Zoll (1 Zoll ≤ 2,615446 cm)
  • Dicke der Furnierauflage / Marketerie: 6–12 mm
  • Leimart: Absud aus Tierknochen und -häuten
  • Furnierbild einer Tafel: Eichenfurnier mit diagonaler Kreuzfuge, am Rand ein schmales Band von wertvollem mittelamerikanischem Mahagoni
  • Verlegeart: Tafeln dicht an dicht diagonal im Raum ausgelegt, mit Nut und Feder verbunden und genagelt
  • Gesamtansicht: feines, rotbraunes, diagonales Gitternetz auf hellem Untergrund. Dieses gliedert und rhythmisiert den Raumgrundriss.
Bodenfries / Einrahmung des Mittelfeldes
  • Konstruktion: furnierte Dielen entlang der Wände, gegen diese verkeilt
  • Furnierbild: Bänder und Felderungen, den Bodenspiegel einfassend, zumeist deutlich kontrastierend mit diesem
Eigenschaften
  • Seriell herstellbar, damit (relativ) kostengünstig
  • Bessere Dämmeigenschaften als einfache Dielung
  • Einigermaßen "standfest", was bedeutet, dass die Fugen zwischen den Tafeln nur sehr gering ausfallen
  • Mit den aufgelegten Edelhölzern schön anzusehen
  • Durch Änderung des aufgelegten Furniers gestalterisch mühelos variierbar
Restaurierung
Auch in Berliner Bürgerhäusern und Denkmalen wird Jahr für Jahr Tafelparkett durch maschinellen Abschliff unter dem Titel "handwerkliche Renovierungsmaßnahme" unrettbar beschädigt, denn spätestens nach drei oder vier Abschliffzyklen ist von der Furnierschicht nicht mehr viel übrig. Mancher Boden geht im Zuge von Baumaßnahmen auch gänzlich verloren, jedes Mal ein bitterer Verlust. Der Erhalt durch hochwertige Konservierung und Restaurierung ist kostspielig. Angesichts des schwindenden Bestands bleibt er eine lohnende und wichtige Aufgabe zukünftiger Denkmalpflege.

 


Autor: Eberhard Roller
Der Autor Eberhard Roller ist Restaurator, Leiter der akanthus Restaurierungen GmbH – Möbel, Holzobjekte, Denkmalpflege, Waldemarstraße 24, 10999 Berlin, und Sprecher der Interessengruppe Selbstständige / Freiberufler des Verbands der Restauratoren e.V. (VDR)
Kontakt: 030 6151146, E-Mail: akanthus.berlin@web.de