Denkmal  
Mein Denkmaltag


Login

Benutzername
Passwort
 

Tag des offenen Denkmals 2012 / Schwerpunkt Holz

Restaurierung von Aula und Foyer der Kunsthochschule Berlin-Weißensee von Selman Selmanagić


Aula der Kunsthochschule Berlin-Weißensee; Foto: Wolfgang Bittner
Aula der Kunsthochschule Berlin-Weißensee; Foto: Wolfgang Bittner

Decke, Wände und Boden glänzten, die verschiedenen Holzarten kontrastierten zueinander, das Licht der Kronleuchter spiegelte sich in den Oberflächen. Mit feierlicher Atmosphäre empfing die Aula der Kunsthochschule Berlin-Weißensee einst Studenten, Professoren und Gäste. Im Laufe einer über 50 Jahre langen Nutzungsgeschichte und intensiver Sonneneinstrahlung hatten die Materialien jedoch gelitten. Die eingesetzten Hölzer – Birnbaum, Sennesche, Palisander und Ulme – hatten sich mit der Zeit einander farblich angeglichen, der Lack war matt geworden, die Kronleuchter verschmutzt. Die Substanz war jedoch gut erhalten, so auch das deckenhohe und raumbreite Wandbild von Arno Mohr im Foyer. Nur die feste Bestuhlung, die Vorhänge und der Bodenbelag waren verloren.

1946 war die Hochschule als Kunstschule des Nordens gegründet worden, im Mai 1947 genehmigte ihr die Sowjetische Militäradministration in Deutschland unter dem Namen Hochschule für Angewandte Kunst den offiziellen Schulbetrieb. Heute trägt sie den Namen Kunsthochschule Berlin (Weißensee) – Hochschule für Gestaltung. Nach den beiden ersten Rektoren, Otto Sticht, einem Metallbildhauer, und Jan Bontjes van Beek, einem Keramiker, übernahm der bekannte niederländische Architekt und Designer Mart Stam von 1950–52 das Rektorat der Kunsthochschule. Selman Selmanagić, ein Architekt bosnischer Abstammung und Schüler von Mies van der Rohe am Bauhaus in Dessau, wurde während dieser Zeit zum Leiter der Architekturabteilung ernannt und erhielt von der Kunsthochschule den Auftrag, ein Gebäude mit Mensa und Aula zu entwerfen. 1956 wurden die neuen Räume eingeweiht, nachdem ihre Realisierung zwar von allgemein knappen Baustoffen, besonders aber vom künstlerischen Anspruch Selmanagićs und den handwerklichen Qualitäten der Deutschen Werkstätten Hellerau geprägt war. So zählen Aula und Foyer der Kunsthochschule heute zu den herausragenden Bauwerken der Nachkriegsmoderne in der DDR und sind mit der Nummer 09030613 in der Denkmalliste des Landes Berlin eingetragen.

Die Wüstenrot Stiftung begann im Jahr 2008 mit ersten Untersuchungen und entschied sich 2009 – auf Grundlage einer Machbarkeitsstudie und nach Abstimmung des denkmalpflegerischen Konzepts mit ihrem wissenschaftlichen Beirat und dem Landesdenkmalamt Berlin – für die Aufnahme des Projekts in das Denkmalprogramm der Stiftung.

Intensive restauratorische Untersuchungen und Planungen bestimmten das Jahr 2010, sodass im Dezember 2010 die ersten ausführenden Firmen für die Sanierungsarbeiten beauftragt werden konnten. Zudem wurde zur Unterstützung von Ausführungsentscheidungen eine erweiterte Archivrecherche im Sächsischen Staatsarchiv in Dresden, im Archiv der Berlinischen Galerie, bei der Familie Selmanagić und in der Kunsthochschule selbst durchgeführt.

Im April 2011 begann die Sanierung mit der Stellung des Außengerüsts und der Montage des Wetterschutzdachs. So konnten in einem ersten Schritt sowohl der Dachstuhl instand gesetzt als auch die Dachdeckung erneuert, der schadhafte Estrich in der Aula entfernt, ein neuer Gussasphalt-Estrich eingebracht sowie mit der technischen Gebäudeausrüstung und den konservierenden Arbeiten am Wandbild im Foyer der Aula begonnen werden.

Die hinsichtlich ihrer denkmalpflegerischen Relevanz wesentlichen Sanierungsarbeiten wurden in der zweiten Hälfte des Jahres 2011 durchgeführt, wobei der Umgang mit der Holzausstattung eine besondere Herausforderung darstellte.

Die Untersuchungen hatten ergeben, dass das Mattwerden der einst glänzenden Oberflächen zum einen durch Mikrorisse im Lack, zum anderen durch die Zerstörung des Ligninanteils der Holzfasern und der Moleküle im Lack durch Sonneneinstrahlung und Tageslicht hervorgerufen worden war. Dadurch war auch das ursprüngliche Farbspiel der Hölzer verloren gegangen. Die Beteiligten standen nun vor der Frage, ob mit Materialabtrag und neuem Lack ein dem ursprünglichen ähnlicher Zustand quasi neu hergestellt oder ob in Zusammenarbeit mit den Restauratoren eine differenzierte Vorgehensweise entwickelt werden sollte, die die Nutzungsgeschichte nicht negiert, sondern als elementaren Wesensbestandteil des Denkmals ernst nimmt. So wurden zahlreiche Musterrestaurierungen der insgesamt 28 Ausstattungselemente angefertigt – nicht nur für die Holzoberflächen an Wänden und Decke, sondern auch für die Polymethylmethacrylat-Gitter seitlich der Bühne, für das bauzeitliche Rednerpult und auch den Blüthner Konzertflügel, der seit Eröffnung der Aula auf der Bühne stand. Vielfältige Ausführungsvorschläge wurden diskutiert und letztendlich fiel die Entscheidung auf eine Behandlung, die auf Materialverlust ganz verzichtete. Die Holzoberflächen wurden zuerst umfassend gereinigt und regeneriert, um die Durchdringung des Lacks mit Licht zu verbessern. Anschließend polierte der Restaurator mit einem Ballen von Hand eine neue, dünne Schicht auf die Holzoberfläche auf. So können heute die verschiedenen Farbtöne der Hölzer zwar nicht so deutlich erkannt werden wie 1956, der Glanzgrad dieser Zeit ist jedoch wieder sichtbar. Zudem blieb mit den zahlreichen Bestandsschichten auch die Befragbarkeit des Denkmals für spätere Zeiten und neue Fragestellungen erhalten.

Fenster, Beschläge und Fenstergriffe von Aula und Foyer konnten – von wenigen Ausnahmen abgesehen – ebenfalls erhalten und instand gesetzt werden. Die Glasscheiben wurden mit einer Schutzfolie versehen, die den UV-Anteil im Innenraumlicht um 95 % verringert, um der Holzverfärbung und der erneuten Rissbildung im Lack vorzubeugen. Die Holzbekleidung der Decke, die sich im Lauf der Jahre von der Unterkonstruktion gelöst und um mehrere Zentimeter gesenkt hatte, wurde raumseitig – trotzdem weitgehend unsichtbar – nachbefestigt.

Da die Aula nicht museal, sondern als lebendiger Teil der Hochschule genutzt werden soll, gehörte zu den denkmalpflegerischen Leistungen auch eine Modernisierung der technischen Gebäudeausrüstung, insbesondere der Lüftungsanlage und der Stark- und Niederstromanlagen.

Die Kronleuchter der Aula und die Leuchter im Foyer wurden instand gesetzt und wieder mit 60-Watt-Leuchten bestückt.

Der bauzeitliche Bodenbelag aus Igelit – ein typisches DDR-Produkt, das heute nicht mehr hergestellt wird – war leider nicht zu erhalten, da der darunterliegende Estrich seine Festigkeit verloren hatte und ersetzt werden musste. Von Ende Oktober bis Anfang November 2011 wurde deshalb ein Linoleumbelag verlegt, der dem ursprünglichen Bodenbelag in seiner Anmutung ähnlich ist.

Anfang 2012 erfolgte noch die Einregulierung der technischen Anlagen und die Einbringung neuer Vorhänge, die auf Basis von Befunden neu hergestellt wurden. Um den Raum flexibel und nach heutigen Anforderungen nutzen zu können, kommt eine gepolsterte oder gar feste Bestuhlung, wie die seit Jahren verlorene Reihenbestuhlung des Ursprungszustands, nicht mehr infrage. Stattdessen wird auf einen sehr einfachen und leichten Stuhl eines kleinen Betriebs aus Stendal zurückgegriffen, der bereits seit Jahren in vielen anderen Räumen der Kunsthochschule verwendet wird.

Am 3. Februar 2012 wurden die sanierte Aula und das Foyer im Rahmen eines Symposiums, einer Ausstellung, eines Festakts und einer Ehemaligen- und Studentenfeier wiedereröffnet.

Das Angebot der Kunsthochschule Berlin-Weißensee zum Tag des offenen Denkmals finden Sie hier:

Autor: Philip Kurz
Der Autor Philip Kurz ist Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung, Hohenzollernstraße 45, 71630 Ludwigsburg.
Kontakt: 07141 16-4777, E-Mail: info@wstg.de