Denkmal  
 

Tag des offenen Denkmals 2009

Editorial des Landeskonservators


Professor Dr. Jörg Haspel, Landeskonservator Berlin

Ein Kulturerbe-Siegel,
um "Europa eine Seele" zu geben?

Am zweiten Sonntag im September begehen Denkmaleigentümer, Denkmalpfleger und Denkmalfreunde den Tag des offenen Denkmals. Die Veranstaltung ist Deutschlands Beitrag zu den Europäischen Denkmaltagen, den European Heritage Days, zu denen der Europarat und die Europäische Kommission die 49 Unterzeichnerstaaten des Europäischen Kulturabkommens, das die ersten Regierungen 1954 in Paris unterschrieben haben, aufrufen. Ausgegangen war die Initiative Mitte der 1980er-Jahre von Frankreich, dem rasch weitere Mitgliedsstaaten folgten. Dem offiziellen Aufruf des Europarats schlossen sich 1993 auch erste deutsche Veranstalter an. Mittlerweile öffnen in Deutschland alljährlich rund 5.000 bis 10.000 Denkmale ihre Tore, vier bis sechs Millionen Menschen statten dem Erbe aus diesem Anlass einen Besuch ab.

Es gibt wenige kulturpolitische Initiativen der Europäischen Union, die sich unter den Bürgern einer höheren Popularität erfreuen. Dies gilt für die steigenden Besucherquoten wie für die wachsende Zahl von Akteuren. Es sind nicht zuletzt die gemeinsame Kultur und ihre enorme Vielfalt, die "Europa eine Seele geben". Das kulturelle Erbe, über das Europa verfügt und auf das es als Speicher gemeinsamer Traditionen zurückgreift, stellt eine wichtige Ressource für die nachhaltige Entwicklung dar. Es birgt nicht nur Erfahrungen der Vergangenheit, sondern auch ein Potenzial, das sich für Zukunftsaufgaben Europas aktivieren lässt. Die European Heritage Days werfen alljährlich im Herbst ein europaweites Schlaglicht auf die grenzüberschreitende Vielfalt des gemeinsamen Erbes und auf seine mobilisierende Wirkung, die von ihm als Ergänzung zu messbaren EU-Richtwerten und -Normen im Sinne einer "gefühlten Europapolitik" ausgeht.

Auch wenn der geringe Anteil, den der Haushalt der Europäischen Union für Kulturaufgaben und insbesondere die Förderung des kulturellen Erbes vorsieht, den Stellenwert von Denkmalschutz und -pflege kaum widerspiegelt, wollen Europapolitiker offenbar das Erfolg versprechende Modell einer europäischen Erbe- und Denkmalpolitik ausbauen. 2005 ergriffen einige Regierungen die Initiative zur Einführung eines Europäischen Erbesiegels (European Heritage Label). Mittlerweile unterstützt das Europäische Parlament das Vorhaben. Der Rat der Europäischen Kulturminister forderte 2008 die zuständige EU-Kommission auf, einen einheitlichen Vorschlag für das Label durch die EU vorzulegen. In einer Art "Windhundrennen", so Euroskeptiker in Sachen Kultur, wurden in den vergangenen Jahren schon annähernd 60 EU-Erbeplaketten in fast 20 Mitgliedsstaaten verteilt, wenngleich die Kriterien für eine Verleihung des Siegels und die Regeln für das Anerkennungsverfahren (oder gar Aberkennungsverfahren) noch nicht verbindlich definiert sind, ebenso wenig die Unterschiede zwischen dem EU-Erbesiegel und den Welterbeeintragungen der UNESCO geklärt sind.

Welterbestätten besitzen, so die UNESCO-Konvention, einen herausragenden universellen Wert, sind also immer auch von europäischer und nationaler Bedeutung. Vielleicht eröffnet das European Heritage Label ja die Möglichkeit, mit dem Gütesiegel nicht einfach Denkmale der europäischen Spitzenklasse auszuzeichnen, sondern Knotenpunkte in einem grenzüberschreitenden Denkmalnetzwerk von europaweiter Ausstrahlung zu verbinden. Die UNESCO-Welterbestätten könnten dann die Rolle eines "Primus inter Pares" unter thematisch verwandten Erbestätten in Europa spielen, sozusagen eine Lokomotivfunktion erfüllen, um im Verbund mit Denkmalen und Stätten in anderen Bundesländern und Nachbarstaaten die Gemeinsamkeit und Vielfalt des europäischen Erbes zu dokumentieren und deren Erhaltung sowie Erschließung zu fördern. Europa ist klein genug, um nicht nur den Bedeutungsgrad der beantragten Stätten, sondern auch deren grenzüberschreitende Kooperationsbereitschaft zu einem wichtigen Auswahlkriterium zu machen.

Das unverwechselbare Profil und steigende Publikumsinteresse, das der Berliner Tag des offenen Denkmals und die European Heritage Days in den letzten Jahren verzeichnen, verdanken sie nicht zuletzt der einmaligen Mischung von unbekannteren Denkmale im Verbund mit den seltenen, aber hochkarätigen Welterbestätten oder potenziellen Europa-Erbekandidaten. Wir wollen diese "Berliner Mischung" auch künftig beibehalten und laden alle Denkmaleigentümer und Denkmalfreunde herzlich zum Mitmachen ein.

Unseren Gästen wünschen wir, dass Sie in Ihrem Denkmalbesuch weiterhin Genuss finden und Pietät üben können.

Professor Dr. Jörg Haspel
Landeskonservator Berlin


 
 





European Heritage Label
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