Denkmal  
 

Tag des offenen Denkmals 2008

Grußwort der Senatorin für Stadtentwicklung


Zahlreiche Ausgrabungen haben in den letzten Monaten unser Wissen über Berlin und seine Geschichte sehr bereichert. Am Petriplatz, am Alexanderplatz, auf dem alten Schlossplatz, aber auch weiter draußen in Biesdorf, Buch und Spandau gruben die Archäologen. Die historische Bauforschung untersuchte akribisch alte Häuser von Berlin. Zeitweise konnte man fast täglich in der Zeitung lesen, welche aufsehenerregenden Funde gemacht wurden. Es trifft sich daher ausgezeichnet, dass der Tag des offenen Denkmals 2008 in ganz Deutschland das Thema „Archäologie und Bauforschung“ in den Mittelpunkt rückt. Die Berliner Denkmalpflege steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der Archäologie.

Es ist kein Zufall, dass sich so viele Menschen in Berlin für die derzeitigen Ausgrabungen begeistern. Gerade die Grabungen in der Stadtmitte haben ein starkes Entdeckungsmoment und berühren auf fast persönliche Weise unseren Sinn für die eigene Geschichte. Denn sie finden in einer Umgebung statt, die im und nach dem Zweiten Weltkrieg sehr stark verändert wurde. Bis vor kurzem etwa wusste kaum jemand, wo der Petriplatz überhaupt liegt und wie man ihn sich vorzustellen hatte. In der Berlin-Literatur wird er als Mittelpunkt von Cölln und damit als eine der beiden Keimzellen der ehemaligen Doppelstadt Berlin-Cölln beschrieben. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand er komplett aus dem Stadtbild und aus dem Bewusstsein der meisten Berliner. Verschwunden sind die Kirchen, die hier im Laufe der Jahrhunderte standen, die Friedhöfe, die zu den Kirchen gehörten, das Cöllnische Rathaus oder die Lateinschule am Platzrand.

In monatelangen Grabungen deckten die Archäologen nunmehr die Fundamente von fünf Kirchen, der Schule und des Rathauses, zahlreiche bewegliche Funde (Fayencen, Glasmarken, Tontöpfe, Spielzeug u.a.) und mehr als 1.200 Bestattungen auf. Nun ist der Petriplatz und damit eine der historischen Wurzeln Berlins gedanklich wieder fassbar – und soll es in Zukunft auch ganz konkret sein, denn wir werden bei der geplanten Neugestaltung des Areals die nun gemachten Funde einbeziehen. In der jetzigen Phase des Stadtumbaus Mitte geben Archäologen wichtige Impulse für die zukünftige Gestaltung.

Wichtige Erkenntnisse lieferte auch die Grabung in Biesdorf-Süd. Auf insgesamt 16 Hektar findet hier seit 1999 die größte Grabung statt, die es in Berlin jemals gegeben hat. Sie gehört zu den bauvorbereitenden Maßnahmen im städtebaulichen Entwicklungsgebiet Biesdorf-Süd. Die dort gemachten Funde erweitern ganz erheblich das Wissen vom Leben in Nordostdeutschland seit dem 9. Jahrhundert v. Chr. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr. Die teilweise sehr gut erhaltenen Brunnen und Öfen ermöglichen einen detaillierten Einblick in die Lebensweise unserer Vorfahren. Gerade das macht Archäologie in Berlin derzeit so lebensnah und damit spannend.

Neben den professionellen Ausgräbern ist dafür auch den ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern zu danken. Bereits seit den 1920er Jahren sind in Berlin engagierte Laien unterwegs, beobachten Erdbewegungen und berichten den Fachbehörden über eventuelle Funde. Allein in Neukölln wurden von Ehrenamtlichen 80 archäologische Fundstellen gemeldet, die sonst wahrscheinlich unentdeckt geblieben oder gar vernichtet worden wären.

Ich danke allen Veranstaltern, die aktiv zum Tag des offenen Denkmals beitragen, sehr herzlich für ihren ehrenamtlichen Einsatz. Ohne ihr Engagement wäre eine solche Veranstaltung überhaupt nicht möglich. Allen Berlinerinnen und Berlinern sowie allen Besuchern der Stadt wünsche ich ein interessantes Wochenende auf den Spuren unserer Stadt.

Ingeborg Junge-Reyer