Denkmal  
 

Tag des offenen Denkmals 2007

Vorwort der Senatorin für Stadtentwicklung


Aus Anlass des 50. Jahrestags der INTERBAU 1957 richtet der Tag des offenen Denkmals 2007 den Blick auf das „Berliner Nachkriegserbe“. Dieser internationalen Bauausstellung, die 1957 im Westteil Berlins stattgefunden hatte, verdankt Berlin so bedeutende Bau- und Gartendenkmale wie das Hansaviertel, die ehemalige Kongresshalle im Tiergarten oder das Corbusier-Haus in Charlottenburg. Die bekanntesten Architekten der (westlichen) Welt kamen damals nach Berlin, um zu zeigen, wie ein neues, ein besseres Wohnen und Leben nach dem Ende von Naziterror und Weltkrieg aussehen sollte. Und sie demonstrierten mit modernen Formen, mit ungewohnt offenen Grundrissen, mit Gemeinschaftsflächen für kommunikative Nachbarschaft und mit fließenden Grenzen zur Natur eine Alternative zu den Musterbauvorhaben im sowjetisch besetzten Ostteil der Stadt, die im Stil der „nationalen Tradition“ entlang der früheren Stalinallee für Aufsehen gesorgt hatten.

Beim Berliner Tag des offenen Denkmals soll der Schwerpunkt auf dem gemeinsamen Erbe der Nachkriegszeit, im Osten wie im Westen, liegen. Gerade die enge Nachbarschaft dieser unterschiedlichen Architekturen macht das besondere Denkmalprofil Berlins aus und sollte von uns thematisiert werden.

Zum Nachkriegserbe gehören nicht nur die frühen Anlagen aus den Fünfziger Jahren, sondern auch die Zeugnisse der Sechziger und Siebziger Jahre in Ost und West. Große Bereiche Berlins in beiden Teilen der Stadt erhielten in diesen Jahrzehnten ihr heutiges Gesicht, etwa der Alexanderplatz und der Fernsehturm im Bezirk Mitte oder das Kulturforum in Tiergarten. Über den Denkmalwert entscheidet nicht der gerade herrschende Geschmack, sondern der Zeugniswert und der historische Gehalt der Bauwerke und Grünanlagen. Ein Denkmal muss deshalb weder besonders alt noch besonders schön sein. Die Denkmalpfleger haben es nicht immer leicht, den Denkmalwert dieser jungen Anlagen zu vermitteln, zu nahe ist uns diese Epoche noch, zu heftig auch mancher städtebauliche oder architektonische Eingriff in die gewohnte Stadt. Ihr Wert erschließt sich nicht jedem auf den ersten Blick und auch deshalb sind sie bisweilen gefährdet. Doch die jüngeren Generationen haben einen offeneren Blick auf die 70er Jahre und entdecken die Qualitäten dieser Architektur. Ich freue mich daher sehr, dass das Landesdenkmalamt Berlin den Mut hatte, eine breitenwirksame Veranstaltung wie den Tag des offenen Denkmals dafür zu nutzen, diese jüngere Denkmalschicht, der Berlin sein besonderes städtebauliches Profil verdankt, in den Mittelpunkt zu rücken.

Ein besonderer Schwerpunkt innerhalb des Mottos „Erbe der Nachkriegszeit“ bilden Kirchen und andere sakrale Räume, die nach 1945 in großer Zahl entstanden – überwiegend in den Westbezirken, denn im Ostteil der Stadt hatten die religiösen Glaubensgemeinschaften kaum Gelegenheit, ihre Existenz durch Neubauten zu dokumentieren. Über 160 evangelische und katholische Kirchenbauten und Gemeindezentren wurden in den 50er und 60er Jahren in Berlin errichtet und rechtfertigen es, hier von einem regelrechte Bau-Boom zu sprechen. Heute hingegen steht eher das Thema Leerstand, Umnutzung oder gar Abriss auf der Tagesordnung – auch bei denkmalgeschützten Kirchenbauten. Besonders die Kirchen der 60er und 70er Jahre stehen als „Turnhallen mit Altar“ heute in der Diskussion, zumal wenn ihnen zahlungskräftige Gemeinden und Möglichkeiten der Energieeinsparung fehlen. Der Tag des offenen Denkmals bietet eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Berliner Nachkriegskirchen zu entdecken und sich ihre manchmal spröde Schönheit erläutern zu lassen.

Neben den christlichen Religionsgemeinschaften sind selbstverständlich auch Synagogen, Moscheen und andere Orte der Einkehr, etwa der Buddhistische Garten in Frohnau, eingeladen, am Tag des offenen Denkmals mitzuwirken. Das gesamte spirituelle Erbe der Viel-Kulturenstadt Berlin verdient Beachtung.

Allen Aktiven, die zum Tag des offenen Denkmals ihre Denkmale öffnen und fachkundige Führungen anbieten, sei ganz herzlich für ihr großes Engagement gedankt.

Ingeborg Junge-Reyer
Senatorin für Stadtentwicklung