Denkmal  
 

Tag des offenen Denkmals 2006

Vorwort des Landeskonservators


Tag der offenen Außenwohnräume - gepflanzte Utopien der Berliner Moderne besuchen


"Gebt ihnen Gärten!"
(Ludwig Lesser, 1920)


Berlin ist eine attraktive und aufregende Metropole. Diesen Ruf verdankt die deutsche Hauptstadt vor allem ihrer faszinierenden Geschichte und einem sehenswerten Denkmalbestand. Berlin gilt als traditionsbewusstes "Spree-Athen", auch als innovative "Elektropolis". Die "größte Mietskasernenstadt der Welt" verfügt aber auch über einen unerwarteten Reichtum an historischen Frei- und Grünflächen. Fast ein Zehntel der Berliner Denkmale sind bedeutende Zeugnisse der Gartenkunst und Gartengeschichte. Der Tiergarten ist nur die größte historische Anlage, die sich als grünes Denkmal einer langen Tradition und hoher Popularität erfreut. Hin-zukommen unzählige Außenanlagen in denkmalgeschützten Ensembles und Gesamt-anlagen. Vorgärten und Hofgrün in Miets-hausgruppen gehören beispielsweise dazu, vor allem aber die durchgrünten Außenräume von Siedlungen und Wohnadressen des 20. Jahrhunderts.

Die Spree-Metropole war eine Industrie-metropole von europäischem Format. Sie ist immer noch eine Kunst- und Kulturmetropole von internationalem Zuschnitt. Unter den Haupt- und Großstädten gilt Berlin aber nicht zuletzt auch als eine Gartenmetropole von Rang, und die Berliner Gartendenkmalpflege genießt über die Grenzen hinaus einen guten Ruf. Auch die beiden Berliner Welterbestätten, die die UNESCO seit dem Mauerfall als einzigartige Zeugnisse der Menschheitsgeschichte verzeichnet und ausgezeichnet hat, vereinen Baukunst und Gartenkunst, Architektur und Natur auf besondere Weise. Der weitläufigen Denkmallandschaft der Schlösser und Gärten von Potsdam und Berlin verleihen "pleasuregrounds" und Landschaftsparks, Gartenschmuck und Gartenarchitekturen ihr einmaliges Gepräge. Und dem als "Freistätte der Wissenschaft und Kunst" entstandenen Weltdenkmalensemble der "Museumsinsel Berlin" sind mit dem Kolonnadengarten zwischen Neuem Museum und Alter Nationalgalerie oder mit dem Lustgarten vor dem Alten Museum Traditionsräume zugeordnet, die von höchstem gartenkonservatorischen Interesse sind.

Im Januar 2006 hat die Kultusministerkonferenz der Bundesrepublik Deutschland die Nominierung von sechs "Siedlungen der Berliner Moderne" für die Welterbeliste bei der UNESCO in Paris eingereicht. Seinen Ruf als eine internationale Metropole der modernen Architektur und des moderne Städtebaus verdankt Berlin vor allem dem gewaltigen Bauprogramm, mit dem renommierte Architekten wie Martin Wagner, Bruno Taut, Hans Scharoun, Walter Gropius, Hugo Häring, Otto Rudolf Salvisberg oder Otto Bartning die Stadt in wenigen Jahren zum vielbeachteten Schauplatz einer durchgreifenden Architektur- und Wohnungsreform machten. Öffentlich gefördert statt privat spekuliert, sozial statt gewinnorientiert, komfortabel statt eng, hell statt dunkel, luftig statt stickig, hygienisch statt ungesund - mit solcherart zugespitzten Begriffen grenzte sich das "Neue Bauen" von der alten Mietskasernenarchitektur ab. Zu den wichtigsten Beiträgen dieser Epoche gehören etwa die Gartenstadt Falkenberg, die Hufeisensiedlung in Britz, die Wohnstadt Carl Legien im Prenzlauer Berg, die Weiße Stadt in Reinickendorf, die Schillerparksiedlung im Wedding oder die Ringsiedlung Siemensstadt, um nur die sechs als Welt-erbekandidaten nominierten zu nennen. Insgesamt entstanden zwischen 1924 und 1931 in Berlin über 140.000 neue Wohnungen - ein auch in der Nachkriegszeit nicht wieder erreichtes Bauvolumen.

Ein entscheidender Qualitätsgarant für die neuen Siedlungen waren und sind die als "Außenwohnräume" apostrophierten Grün- und Freiflächen. Sie waren weit mehr als Abstandsgrün oder vegetabiles Dekor: "Eng in der Großstadt zusammengepfercht leiden Menschen viel tausend! Denkt daran, grausend! "Gebt ihnen Gärten!" - appellierte in Versform Ludwig Lesser, einer der wichtigs-ten Vertreter der modernen Gartenbaukunst. Als Garant für hygienische Lebensverhältnisse, für "Licht, Luft und Sonne", erhielt das wohnungsnahe Grün in den neuen Siedlungen eine den Bauwerken vergleichbare Bedeutung. Das zeigt sich bereits an der Mitwirkung führender Gartenkünstler wie Ludwig Lesser und Leberecht Migge. Mietergärten, die in Notzeiten auch der Selbstversorgung dienten, gemeinschaftlich genutzte, halboffene Gartenhöfe oder weitläufige Parkanlagen in der Nachbarschaft boten Erholung für alle Siedlungsbewohner - und sie bieten eine bis heute nachgefragte Wohnqualität in der Großstadt.

Als gebaute und gepflanzte Utopien von einem besseren Leben für breite Bevölkerungskreise sind die Siedlungen der Berliner Zwischenkriegsmoderne einmalig. Sie künden von einer Zeit, in der sich die deutsche Hauptstadt Berlin weltweit als Metropole der Sozialreform und Architekturavantgarde einen Namen machte. Aus diesem kreativem Milieu entstanden Wohnanlagen, die als Kunstwerke ebenso bestehen können wie als Leistungen der Gesundheits- und Sozialpolitik. Mit der Einbeziehung bedeutender Bau- und Gartenbaukünstler erwies sich der Siedlungsbau gewissermaßen als Leitsektor der Moderne.

Der europaweite Tag des offenen Denkmals steht 2006 im Zeichen der Gartenkunst und Gartengeschichte. Berlin bietet wieder ein mannigfaltiges Programm. Alle Bürgerinnen und Bürger, Besucherinnen und Besucher von Berlin sind herzlich eingeladen, mit der historischen und künstlerischen auch die grünen Seiten der deutschen Hauptstadt kennen zu lernen.

Prof. Dr. Jörg Haspel
Landeskonservator und
Direktor des Landesdenkmalamtes Berlin