Denkmal  
 

Tag des offenen Denkmals 2005

Vorwort der Senatorin für Stadtentwicklung


Denkmale erinnern und mahnen

Berlin ist eine Stadt, der man die Folgen des Zweiten Weltkriegs noch lange unmittelbar ansehen konnte. Als in anderen (west)deutschen Städten schon längst die Spuren getilgt waren, gab es allenthalben in Berlin noch ehemalige Trümmergrundstücke als Brachflächen, die der Stadt etwas merkwürdig Unfertiges gaben, schreckten Besucher Kreuzbergs oder der Stadtmitte noch in den frühen 1980er Jahren auf über die allgegenwärtigen Einschusslöcher an den rußgeschwärzten Fassaden. Das meiste davon wurde schon vor der Wende angegangen: Die Stadtreparatur der Internationalen Bauausstellung sowie das Stadtjubiläum 1987 in beiden Teilen der Stadt führten dazu, dass viele Wunden an Häusern und im Stadtbild geheilt wurden. Nach der Wiedervereinigung stand im Osten Deutschlands der städtebauliche Denkmalschutz weit oben auf der Prioritätenliste, sodass etwa die nach dem Krieg vernachlässigte Spandauer Vorstadt zum viel bewunderten Besuchermagneten werden konnte.

Direkt oder mittelbar erinnern auch heute noch bauliche Zeugnisse an den Weltkrieg. Manche sind klein wie die bei den Sanierungsmaßnahmen bewusst bewahrten Einschusslöcher an Häusern in der Großen Hamburger Straße. Nur sehr aufmerksame Stadtspaziergänger werden sie bemerken. Andere aber sind unübersehbar, etwa die alte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die mitten in der geschäftigen West-City steht. Als Mahnmal gegen den Krieg ist sie zusammen mit dem modernen Kirchenbau von Egon Eiermann, der sie ergänzt, Teil der Berliner Identität geworden. Viel stiller und unspektakulärer scheint ihr Gegenstück in der östlichen Innenstadt, die ehemalige Franziskaner-Klosterkirche. Ihre Ruine zeugt von den mittelalterlichen Anfängen der Stadt und spannt durch die Kriegszerstörungen zugleich den zeitlichen Bogen bis in die jüngste Vergangenheit. Die Kirchenruine wurde im Frühjahr 2005 mit großem Engagement von privater Seite als eindringliches Mahnmal gesichert und restauriert - auch Ruinen können Gegenstand denkmalpflegerischen Zuspruchs sein.

Eine gesicherte und wieder eingedeckte Ruine ist inzwischen die Elisabethkirche an der Invalidenstraße in Berlin-Mitte, ein Hauptwerk von Karl Friedrich Schinkel, die nach dem Mauerfall noch in Trümmern lag. Seit einigen Jahren hat sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz des kriegsversehrten Kleinods angenommen und nutzt - zusammen mit der Gemeinde und dem Förderverein - auch den Tag des offenen Denkmals regelmäßig, um auf dieses Bauwerk aufmerksam zu machen und Geld für seine Instandsetzung zu sammeln. Dank dieses Engagements konnten inzwischen unzählige elementare Sicherungsmaßnahmen erfolgen.

Der Tag des offenen Denkmals steht in diesem Jahr ausdrücklich unter dem Motto "Krieg und Frieden - Denkmale erinnern und mahnen". Manche Denkmale, die zu diesem Thema etwas beizutragen haben, waren bereits in den Vorjahren im Programm, seien es die großen sowjetischen Ehrenmale in Treptow oder Schönholz, das Fremdarbeiterlager in Niederschöneweide, Bunker oder Kasernen. Hier ist der Bezug zum Krieg, speziell zum Zweiten Weltkrieg, offensichtlich. Doch manche "Kriegsdenkmale" erkennt man heute kaum noch als solche, so sehr hat man sich an ihren Anblick gewöhnt. Wer bedenkt beim Anblick der Siegessäule, dass die goldenen Ornamente am Schaft der Säule tatsächlich Kanonenrohre sind und dass die volkstümlich "Goldelse" genannte Viktoria auf ihrer Spitze gewissermaßen über die besiegten Feinde aus den drei Reichseinigungskriegen triumphiert und weitere Siege garantieren sollte? Wer weiß, dass das Kreuzberg-Denkmal an die Befreiungskriege gegen Napoleon erinnert und sogar die Quadriga auf dem Brandenburger Tor den Frieden nach einem siegreichen Krieg in die Stadt bringen sollte? In Abwandlung eines mittelalterlichen Liedes könnte man sagen: "Mitten im Frieden sind wir von Kriegsdenkmalen umgeben".

Menschen und Denkmale sind auf Frieden angewiesen. Wir verstehen den Tag des offenen Denkmals daher auch als einen Beitrag zur Erziehung zum Frieden, als Appell zur Völkerverständigung. Der Berliner Tag des offenen Denkmals steht in der Tradition der European Heritage Days, die der Europarat 1991 ins Leben gerufen hat und die heute in fast 50 Ländern begangen werden, von Aserbaidschan bis Zypern. Um die internationale Dimension des Schwerpunktthemas "Krieg und Frieden" zu verdeutlichen, erinnern dieses Programmheft und der Tag des offenen Denkmals auch an ausländische Mahn- und Gedenkstätten: die Kathedrale von Coventry in England, das "Dorf des Martyriums" Oradour-sur-Glane in Frankreich, der historische Park von Marzabotto in Italien sowie die Welterbestätte des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau in Polen. Auf der anderen Seite der Welt steht die Atombombenkuppel in Hiroshima/Japan, die in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen wurde und an den Abwurf der ersten Atombombe erinnert. Zum Abschluss des Denkmalwochenendes wird im Rahmen des Denkmalsalons die von deutschen Truppen zerstörte Mariä-Entschlafenskirche in Wolotowo bei Nowgorod vorgestellt, die seit wenigen Jahren unter Beteiligung deutscher Stellen und Fachleute wiederhergestellt wird. Denkmalpflege als Beitrag zur Wiedergutmachung und als Hoffnungsträger.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Denkmale dazu bestimmt sein sollten, unseren Alltag nicht nur schöner, sondern auch friedlicher zu gestalten. Ich freue mich deshalb, dass sich die Quartiersmanagements zunehmend am Tag des offenen Denkmals beteiligen. Gerade in einem schwierigen sozialen Umfeld kann das Wissen um die Geschichte und die Besonderheiten des eigenen Kiezes erheblich zu einer gezielten Aufwertung und auch zur Imageverbesserung beitragen. Der Tag des offenen Denkmals ist ein idealer Anlass, die Außenwirkung eines Ortsteils zu erhöhen. Er wirkt aber auch positiv nach innen, fördert das lokale Selbstbewusstsein und stärkt die Identifizierung mit der eigenen Heimat in der Großstadt. Der Tag des offenen Denkmals nimmt den Stadtteil und seine Vergangenheit ernst und vermittelt etwas von seiner besonderen Bedeutung. Das ist ein wichtiges Angebot für die weitere Entwicklung der Ortsteile, auch für jüngere Bewohner. Denn mehr über die eigene Umgebung zu wissen, fördert in der Großstadt verstärkte Aufmerksamkeit und Achtung für den eigenen Kiez, vielleicht sogar eine Art Heimatgefühl. Deshalb begrüße ich es sehr, dass der Verein Denk mal an Berlin e.V. in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis der Regionalmuseen auch 2005 wieder ein Jugendprojekt zum Schwerpunktthema fördert, an dem sich sieben Schulen beteiligen. Es ist wichtig, dass Jugendliche an die Denkmalpflege, vor allem aber an das Thema "Krieg und Frieden" herangeführt werden.

Ich danke allen Denkmalbesitzern und Denkmal-Engagierten, dass sie diesen Tag des offenen Denkmals durch ihren Einsatz ermöglichen, und wünsche allen ein interessantes und erhellendes Denkmalwochenende.

Ingeborg Junge-Reyer
Senatorin für Stadtentwicklung