Denkmal  

 

"Erkennen und Erhalten" - Faltblattreihe

Stadtbad Kreuzberg - Baerwaldbad

Baerwaldstraße 64-67, Berlin-Kreuzberg

alte Schwimmhalle im Bad, 1985; Foto: Wolfgang Reuss, Landesdenkmalamt Berlin  


Nicht weit vom Landwehrkanal entfernt, entstand 1898 bis 1901 nach Plänen von Stadtbaurat Ludwig Hoffmann die "Volksbadeanstalt" in der Baerwaldstraße, die heute zu den markantesten und populärsten Baudenkmalen im Stadtteil Kreuzberg zählt. Die wachsende Stadt und die Industrialisierung im 19. Jahrhundert machten es notwendig, öffentliche Bäder zu errichten. Dabei stand einerseits das Anliegen im Vordergrund, die Hygiene in den ärmeren Wohnvierteln der Stadt zu verbessern, da Bäder in den Wohnungen noch nicht üblich waren, und andererseits das Schwimmen als Schul- und Vereinssport zu entwickeln. Neben der Schwimmhalle mit einem großen Wasserbecken gab es abgetrennte Bereiche mit Wannen- und Brausebädern. Darüber hinaus entsprachen die Bauten den Bedürfnissen der Bevölkerung nach Freizeitvergnügen.

Die neue Bauaufgabe blieb bis in die Nachkriegszeit hinein ein besonderes Anliegen der Stadt Berlin, die die Stadtbäder in den verschiedenen Stadtbezirken betrieb. Zu den ältesten erhaltenen und denkmalgeschützten Volksbädern zählen das Stadtbad Charlottenburg in der Krummen Straße, von Paul Bratring, sowie die Bäder in der Oderberger Straße im Bezirk Prenzlauer Berg und in der Baerwaldstraße, die von Ludwig Hoffmann stammen, der wie wenige Architekten die Stadt mit seinen öffentlichen Gebäuden noch heute prägt. Für das Kreuzberger Bad orientierte er sich, abweichend vom ursprünglichen Entwurf seines Amtsvorgängers Hermann Blankenstein, an italienischen Renaissance-Palästen. Der Sockelbereich der Fassade ist mit großen Sandsteinquadern verkleidet. Die Stockwerkshöhen und die Größe der Fenster variieren, so wird die Fassade gegliedert und es lassen sich unterschiedliche Funktionen in den dahinter liegenden Bauteilen und Räumen erkennen. Der Monumentalbau setzt sich von den Wohngebäuden der Umgebung ab. Das imposante Eingangsportal mit der Bärenplastik ist von Otto Lessing gestaltet worden.

Hinter dem Eingangsfoyer befindet sich die "bauhohe" Schwimmhalle mit dem Wasserbecken, das an den beiden Langseiten Umkleidekabinen flankieren. Sie wurden mit Holzornamenten von Ernst Westphal geschmückt. Auf einer Galerie im Obergeschoss befinden sich weitere Umkleidemöglichkeiten. Die Brauseabteilung für die Männer befand sich im Erdgeschoss, die für die Frauen im Obergeschoss. Der Zugang erfolgte über getrennte Treppenhäuser, die zu kleinen Wartesälen führten, von denen aus man in die Wannenabteilungen für Männer und Frauen gelangte. Insgesamt gab es 64 Wannen- und 68 Brausebäder.

Direkt neben dem alten Bad wurde im ersten Weltkrieg eine zweite, größere Schwimmhalle vom selben Architekten erbaut. Nun war es möglich, zur gleichen Zeit Herren- und Damen-Schwimmen anzubieten. Eine Besonderheit war zudem die Einrichtung einer Kur- und Heilabteilung. Die äußere Gestaltung des Gebäudes passt sich an die Architektur des Altbaus an, wurde jedoch einfacher gehalten. Während des zweiten Weltkrieges wurde die jüngere, größere Schwimmhalle durch Luftangriffe zerstört. Während man die Außenfassade im ursprünglichen Stil wieder errichtete, wurde die gesamte Innenarchitektur und damit auch die Schwimmhalle modern im 1950er Jahre-Stil gebaut. Die alte Halle von 1901 blieb hingegen unversehrt und ist bis heute entsprechend erhalten.

Die kontinuierliche Modernisierung der Altbauwohnungen und der Einbau von Bädern in den vergangenen Jahrzehnten machten die öffentlichen Wannen- und Brausebäder weitgehend überflüssig. In den 1990er Jahren mussten einzelne Abteilungen des Bades geschlossen werden. Im Jahre 2000 stand die endgültige Schließung durch die Berliner Bäderbetriebe an. Dank der Initiative des Kreuzberger Sportvereins TSB e.V. konnte das Bad vor der endgültigen Schließung bewahrt und 2002 erneut öffentlich zugänglich gemacht werden. Damit dienen heute beide Hallen wieder dem Schul- und Vereinsschwimmen sowie dem öffentlichen Publikumsverkehr.

Seit 2007 engagiert sich die Zukunftsbau GmbH mit dem Projekt XENOBau im Gebäude. Unterstützt durch das Bundesprogramm "XENOS - Beschäftigung, Bildung und Teilhabe vor Ort", das Jobcenter und das Bezirksamt wird im Projekt die denkmalgerechte Sanierung mit der interkulturellen und beruflichen Bildung für junge Erwachsene verbunden. Im Rahmen des Projektes findet die Renovierung der beiden Treppenhäuser, der Umkleidekabinen in der alten Halle sowie der Nachbau von Türen nach historischen Vorlagen statt.


Stand: 2008


Baerwaldbad - Detail; Foto: Zukunftsbau GmbH
 

Baerwaldbad - Detail; Foto: Zukunftsbau GmbH
 

Baerwaldbad - Detail; Foto: Zukunftsbau GmbH
 

Baerwaldbad - Detail; Foto: Zukunftsbau GmbH
 

Baerwaldbad - Detail; Foto: Zukunftsbau GmbH
 

Baerwaldbad - Detail; Foto: Zukunftsbau GmbH
Baerwaldbad - Details

fill

Zeittafel

1898-1901   Bau des ursprünglichen Volksbades
(Stadtbaurat L. Hoffmann/1852-1932)
1913-1916   Erweiterungsbau mit großer Schwimmhalle (Hoffmann)
2. Weltkrieg   Zerstörung der großen Schwimmhalle an der Ecke Wilmsstraße
1953-1955   Wiederaufbau mit historischer Fassade und moderner Schwimmhalle
1990/2000   Schließung einzelner Abteilungen, Einstellung des Badebetriebs durch die Berliner Bäderbetriebe
2002   Wiedereröffnung des Baerwaldbades durch den Verein TSB e.V., Instandsetzungsarbeiten
2004   Grundlegende denkmalpflegerische Dokumentation des Stadtbades Baerwaldstraße mit Baugeschichte, Bestandaufnahme, Schadenskartierung und denkmalpflegerischer Zielsetzung (Andrea Kirste/Kathrin Richter, i. A. Landesdenkmalamt Berlin)
2004/2006   Abriss der Wannenabteilungen im älteren Teil des Bades durch die Thiede-Stiftung im Rahmen einer ABM-Maßnahme mit Jugendlichen
seit 2005   A. Kirste als denkmalpflegerische Kontaktarchitektin des Landesdenkmalamtes Berlin
2007   Nutzenskonzept i. A. Landesdenkmalamt Berlin durch TFH Wildau, Bereich Marketing/Prof. Frank Sistenich
seit 2007   Beginn denkmalgerechter Sanierungsarbeiten in den beiden Treppenhäusern; Wiederherstellung der Umkleidekabinen durch Jugendliche der Zukunftsbau GmbH; Gefördert durch: Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Europäischen Sozialfonds, Bezirksamt und Jobcenter Friedrichshain-Kreuzberg
 


nördliches Treppenhaus nach der Sanierung; Foto: Zukunftsbau GmbH
nördliches Treppenhaus nach der Sanierung

Faltblatt-Impressum

  • Herausgeber: Landesdenkmalamt Berlin
  • Abbildungen:
    Titelbild - Wolfgang Reuss, Landesdenkmalamt
    Zeichnungen - © Dokumentation A. Kirste, Dipl.-Ing. Architektin, K. Richter Dipl.-Ing. FH Architektin
    Fotos: © Zukunftsbau GmbH
  • Text: Lukas Born/Michael Christopher
  • Idee/Redaktion: Sibylle Schulz, Landesdenkmalamt Berlin
  • Herstellung/Gestaltung: pro.fund gmbh/© Jo Hartmann
  • Aus der Reihe: Erkennen und Erhalten in Berlin 2008, Nr. 21
    Initiative Landesdenkmalamt Berlin
 

Links

Informationen

Wettbewerb "Stadt bauen. Stadt leben."
Nationaler Preis für integrierte Stadtentwicklung und Baukultur an das Projekt Baerwaldbad (Preisverleihung am 11.10.2012) mehr
Auszeichnung mit dem Europa Nostra Award 2010

Europa Nostra Award - Logo

aktuelle Außenansicht alter Gebäudeteil mit Hauptportal; Foto: Zukunftsbau GmbH
aktuelle Außenansicht alter Gebäudeteil mit Hauptportal

Dokumentation des Baubestands, alter Gebäudeteil; Zeichnung: A. Kirste, Dipl.-Ing. Architektin, K. Richter Dipl.-Ing. FH Architektin
Dokumentation des Baubestands, alter Gebäudeteil

alte Schwimmhalle, Umkleidekabinen vor der Rekonstruktion; Foto: Zukunftsbau GmbH
alte Schwimmhalle, Umkleidekabinen vor der Rekonstruktion

alte Schwimmhalle, Umkleidekabinen nach der Rekonstruktion; Foto: Zukunftsbau GmbH
nach der Rekonstruktion

Holzskulptur 'Pfeifender Frosch' - Original v. Ernst Westphal 1901
Holzskulptur 'Pfeifender Frosch' - Original v. Ernst Westphal 1901

Holzskulptur 'Pfeifender Frosch' - Nachempfindungen Jörg Wenning 2008; Foto: Zukunftsbau GmbH
Nachempfindungen Jörg Wenning 2008

nördliches Treppenhaus nach der denkmalgerechten Sanierung; Foto: Zukunftsbau GmbH
nördliches Treppenhaus nach der Sanierung