Denkmal  

 

"Erkennen und Erhalten" - Faltblattreihe

Jüdischer Friedhof Weißensee

Herbert-Baum-Straße 45, Berlin-Pankow

Der Jüdische Friedhof Weißensee liegt im 1920 eingemeindeten Nordosten von Berlin. Er entstand als vierter großer jüdischer Friedhof in Berlin und ist mit mehr als 115.000 Grabstellen das bedeutendste Geschichts- und Gartendenkmal seiner Art in Deutschland. Der 1880 von dem Architekten Hugo Licht angelegte Friedhof ist Ruhestätte namhafter Persönlichkeiten aus dem Kultur-, Wissenschafts- und Wirtschaftsleben des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918) und der Weimarer Republik (1919-1933). Die Friedhofsanlage erinnert zugleich eindrucksvoll an die Blütezeit der jüdischen (Sepulkral-) Kultur vor dem Holocaust.

Das ca. 42 Hektar große Friedhofsgelände verfügt über ein differenziertes Erschließungssystem bestehend aus Haupt- und Nebenalleen, Plätzen, Seiten- und Stichwegen, das die Anlage geometrisch in alphanumerisch gekennzeichnete Grabfelder unterteilt. Die Grunddisposition des Friedhofs bildet die Städte der Lebenden ab: Wohlhabende Bürger ließen aufwändig gestaltete Grabanlagen an Plätzen und Alleen sowie entlang der Umfassungsmauer errichten, während sozial Schwächere in den hinteren Reihen der Grabfelder bestattet sind.

Grabstätte für geschändete Thorarollen, 2009; Foto: Gesine Sturm, Landesdenkmalamt Berlin
Grabstätte für geschändete Thorarollen, 2009
Neben einem einzigartigen Bestand an herausragenden Bau- und Bildwerken der Grabmalskunst des 19. und 20. Jahrhunderts beherbergt der Friedhof Ehrengrabanlagen, die die Geschichte der Juden in Deutschland und Europa im 20. Jahrhundert widerspiegeln: direkt am Eingang die Anlage zum Gedenken an die sechs Millionen Opfer der Shoa, die Ehrenreihe großer jüdischer Persönlichkeiten von Berlin, ein Urnenfeld mit der Asche von in Konzentrationslagern ermordeten Juden sowie der Ehrenhain für im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite gefallene jüdische Soldaten.

Ehrenfeld für die im I. Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten, 2012; Foto: Gesine Sturm, Landesdenkmalamt Berlin
Ehrenfeld für die im I. Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten, 2012
Fotos: Gesine Sturm, LDA Berlin

Die überlieferten schriftlichen Quellen dokumentieren die Belegungsgeschichte des Friedhofs vom Zeitpunkt seiner Eröffnung im Jahr 1880 bis zum heutigen Tag nahezu vollständig. Besonders hervorzuheben ist die alphabetische Kartei aller Beigesetzten mit Name, Grabnummer, Feld, Geburts-, Sterbe- und Beisetzungsdatum, Stand und letzter Wohnanschrift.
2010 bis 2012 erfolgte die Erfassung aller Grabstätten durch die Technische Universität Berlin im Auftrag des Landesdenkmalamtes Berlin, in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum.

Die Anpassung jüdischer Traditionen an die moderne großstädtische Lebensweise zeigt sich in der zunehmenden Individualisierung der Grabgestaltung wie in der Verwendung der Landessprache in den Inschriften der Grabsteine und in der Bepflanzung der Gräber anstelle des traditionellen Verzichts auf Pflanzenschmuck. Der gestaltete Friedhofsraum wird akzentuiert durch kunstvoll ausgeführte Memorialarchitekturen in Form von Mausoleen, Tempietti, Wandgrabstätten oder Ehrenmalen. Diese prägen im Zusammenklang mit der sich auf dem Friedhof seit Jahrzehnten entwickelnden Natur die einzigartige Atmosphäre des Gartendenkmals als Ort der Ruhe und Einkehr. Gleichzeitig ist der Friedhof ein wertvolles Biotop inmitten der Großstadt.

Die Zahl an Grabmälern von hohem künstlerischem Anspruch und aufwändiger Gestaltung ist ungewöhnlich groß und von überdurchschnittlicher Qualität. Die herausragende landschaftskünstlerische Gestaltung der Friedhofsfläche mit ihrem urban anmutenden Erschließungssystem verbindet sich mit der Grabmalskunst zu einem außergewöhnlichen Gartenkunstwerk von Weltrang. Der Senat von Berlin reichte den Friedhof 2012 als Welterbevorschlag bei der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland ein.

 
Wandelgang zur Trauerhalle, 2012; Foto: Gesine Sturm, Landesdenkmalamt Berlin
Wandelgang zur Trauerhalle, 2012
Foto: Gesine Sturm, LDA Berlin

Restaurierte Wandgräber, 2010; Foto: Gesine Sturm, Landesdenkmalamt Berlin
Restaurierte Wandgräber, 2010
Foto: Gesine Sturm, LDA Berlin

Schmiedeeiserne Grabanlage Lewinsohn/Netter, 2009; Foto: Wolfgang Bittner, Landesdenkmalamt Berlin
Grabanlage Lewinsohn/Netter, 2009
Foto: Wolfgang Bittner, LDA Berlin

Lindenallee, 2011; Foto: Wolfgang Bittner, Landesdenkmalamt Berlin
Lindenallee, 2011
Foto: Wolfgang Bittner, LDA Berlin

Stand: 4/2013

Zeittafel

fill Lageplan des Jüdischen Friedhofs Weißensee, ALK 2012; Quelle: Ausschnitt der Denkmalkarte des Landesdenkmalamtes Berlin
Lageplan des Jüdischen Friedhofs Weißensee, ALK 2012
Quelle: Ausschnitt der Denkmalkarte des LDA Berlin
1878   Wettbewerb zur Gestaltung des Jüdischen Friedhofs
9.9.1880   Einweihung des Friedhofs
1909   Anlage eines Urnenfeldes
1911   Einweihung einer zweiten Trauerhalle, kriegszerstört 1943-45, 1980 Abriss der Ruine
1914-1915   Anlage eines Ehrenhains für gefallene jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg
1933-1945   Kontinuierliche Nutzung des Friedhofs
1977   Eintragung in die DDR-Bezirksdenkmalliste Berlin
1980er   Ernennung zum Nationalen Kulturdenkmal der DDR; Restaurierung der Gebäude
1996-2012   Umfassende Restaurierungsarbeiten an rund 100 Erbbegräbnissen und der Umfassungsmauer
2005   Beschluss des Abgeordnetenhauses von Berlin zum Vorschlag des Friedhofs als UNESCO Welterbe
2012   Antrag des Berliner Senats zur Aufnahme in die deutsche Tentativliste bei der Kultusministerkonferenz


Faltblatt-Impressum

  • Herausgeber: Landesdenkmalamt Berlin
  • Abbildungen:
    Titel und Rückseite unten - Wolfgang Bittner, Landesdenkmalamt Berlin
    Übrige Fotos Gesine Sturm, Landesdenkmalamt Berlin
    Plan - Kartenausschnitt der Denkmalkarte des Landesdenkmalamts Berlin
  • Text: Antje Graumann, Landesdenkmalamt Berlin
  • Idee / Redaktion: Sibylle Schulz/Gesine Sturm, Landesdenkmalamt Berlin
  • Herstellung/Gestaltung: pro.fund gmbh/© Jo Hartmann
  • Aus der Reihe: Erkennen und Erhalten in Berlin 2013, Nr. 36
  • Förderung der Restaurierungen: Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages, Landesdenkmalamt Berlin