Denkmal  

 

Berliner Siedlungen der 1920er Jahre auf der UNESCO Welterbe-Liste

Politischer und sozialer Hintergrund


Die Küche einer 2- oder 3-Raumwohnung im Quergebäude einer Heimarbeiterfamilie
Küche einer 2- oder 3-Raumwohnung im Quergebäude einer Heimarbeiterfamilie
  Berliner Kellerwohnung, Mietskaserne Sorauer Straße 27, um 1908
Berliner Kellerwohnung, Mietskaserne Sorauer Straße 27, um 1908
  Berliner Mietskasernenbebauung, um 1900
Berliner Mietskasernen, um 1900

Mit den Terraingesellschaften und dem Bau profitorientierter Mietskasernen hatte die Privatwirtschaft seit Mitte des 19. Jahrhunderts auf das immense Bevölkerungswachstum und das damit verbundene Wohnungselend in Berlin reagiert.

Nach 1900 brachten Baugenossenschaften und Bauvereine sozial gesonnener Bürger neue Impulse in den Wohnungsbau. Doch erst die tief greifenden politischen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg machten den Weg frei für einen sozialen Wohnungsbau auf breiter Basis. Zwischen 1924 und 1931 entstanden so in Berlin über 140.000 neue Wohnungen - Ergebnis eines historischen Bündnisses von Kunst und Politik.

Die öffentliche Hand setzte dabei auf ein Gegenmodell zur überbelegten Mietskaserne und zum Spekulantentum, das aus dem Reformgedanken der Jahrhundertwende herrührte. In enger Liaison mit der Avantgarde aus Kunst und Architektur suchte die Politik, ihre sozialpolitischen Utopien in die Tat umzusetzen.

Öffentlich statt privat, sozial statt spekulativ, komfortabel statt eng, hell statt dunkel, luftig statt stickig, hygienisch statt ungesund - mit solcherart zugespitzten Begriffen grenzte man die "neue Architektur" von der (zu diesem Zeitpunkt ohnehin beendeten) Phase des Mietskasernenbaus ab.

Chronik
1889 Novellierung des Genossenschaftsrechts
Einführung der Gesellschaft mit beschränkter Haftung
1890 bis 1914 Anstieg der Anzahl der Baugenossenschaften von 38 auf 1.583
nach 1918 Zusammenbruch des privat finanzierten Wohnungsbaus; in Berlin fehlen 130.000 Wohnungen.
1919 Die Weimarer Verfassung verankert im § 155 den Wohnungsbau als öffentliche Aufgabe und garantiert "jedem Deutschen eine gesunde Wohnung".
1920 Aus 8 Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken wird Groß-Berlin. Die Kommunalreform ebnet den Weg zu einer gesamtstädtischen Wohnungspolitik.
Mai 1921 Wohnungsnotrecht
1924 Gewerkschaften und Baugenossenschaften gründen auf Initiative Martin Wagners die GEHAG
1924 Einführung der "Hauszinssteuer für bebaute Grundstücke" (erwirtschaftet bis 1930 750 Millionen Mark)
Dezember 1925 Reformbauordnung verabschiedet. Ziel: Auflockerung der Wohngebiete. In den Randbezirken werden Quergebäude und Seitenflügel verboten. Festlegung zu Größe (max. 130 m²) und Ausstattung förderfähiger Wohnungen.
1926 Martin Wagner wird Baustadtrat.
Ende 20er Einnahmen aus Hauszinssteuer gehen zurück. Berlin legt aus eigenen Mitteln ein Sonderbauprogramm mit 15 Millionen Reichsmark für die Weiße Stadt und die Ringsiedlung auf. Dabei wird die Größe der geförderten Wohnungen drastisch reduziert.
1929 Weltwirtschaftskrise und städtische Finanznot
1930 Abschaffung der Hauszinssteuer
1931 Notverordnung Brünings, Ende staatlicher Wohnungsbauförderung
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Bevölkerungswachstum in Berlin zwischen 1849 und 1933
Bevölkerungswachstum in Berlin zwischen 1849 und 1933
Siedlung Proskauer Straße, Berlin-Friedrichshain, 1897-1898, erbaut von Alfred Messel
Siedlung Proskauer Str., Berlin-Friedrichshain, 1897-1898, erbaut von Alfred Messel

Wohnanlage Proskauer Straße von Alfred Messel von 1896
Wohnanlage Proskauer Straße von Alfred Messel von 1896

Martin Wagner
Martin Wagner
(1885 - 1957)

zentrale Figur des Wohnungsbaus im Berlin der Weimarer Republik: Mitbegründer der Deutschen Wohnungsfürsorge AG und deren Tochter GEHAG im Jahr 1924; Planungspartner Tauts bei der Hufeisensiedlung 1925; Stadtbaurat von Berlin (1926 bis 1933)