Navigation

Anmeldebereich

Anmelden / Registrieren

Sie haben bereits Zugangsdaten?

Inhaltsbereich

  • Brotkrumennavigation
  • Startseite
  • Alle Meldungen
  • Mitglieder des Fachprojekts berichten über besondere Herausforderungen bei der Erarbeitung des BEK.

Mitglieder des Fachprojekts berichten über besondere Herausforderungen bei der Erarbeitung des BEK.

Dr. Fritz Reusswig

Interview mit Dr. Fritz Reusswig, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und verantwortet im Rahmen der Erstellung des BEK das Handlungsfeld Private Haushalte und Konsum.


Frage 1:  Wo sehen Sie in Ihrem Handlungsfeld am ehesten Handlungsbedarf? Was sind die zentralen Ansätze, um die Ziele in Ihrem Handlungsfeld zu erreichen?

Antwort: Es gibt im Handlungsfeld private Haushalte und Konsum eine Reihe von Herausforderungen, die dem Klimaneutralitätsziel zunächst entgegenstehen. Zum einen wächst Berlin – letztes Jahr allein um fast 45.000 Personen. Damit gehen natürlich erst einmal mehr Emissionen einher. Zum anderen sinkt die durchschnittliche Haushaltsgröße weiter – je kleiner die Haushalte, desto höhere Pro-Kopf-Emissionen haben sie. Und der Ausstattungsgrad mit energieverbrauchenden Geräten – wie Kühlschrank, Mikrowelle, Wäschetrockner – nimmt in manchen Bereichen immer noch zu, vor allem bei den Informations- und Kommunikationsgeräten. Wie in vielen Bereichen der Gesellschaft nehmen zudem die Gerätegrößen und -leistungen zu, obwohl wir pro Einzelgerät über die Jahre eine Verbesserung der Energieeffizienz feststellen können. Ein Beispiel wären hier die größeren Bildschirme der Fernseher.
Das Ergebnis: Verbrauchten die Berlinerinnen und Berliner in 2010 noch 11.601 TJ an Strom für Haushaltsnutzungen, waren es zwei Jahre später schon 12.860 TJ. Der durchschnittliche Verbrauch pro Haushalt stieg im selben Zeitraum von 1.611 kWh auf 1.709 kWh im Jahr.
Damit sind auch die Ansatzpunkte für Klimaneutralitätsstrategien im Handlungsfeld bezeichnet. Wir müssen versuchen, das immer weitere Wachstum des stromverbrauchenden Geräteparks zu bremsen, wir müssen die Effizienz des Geräteparks verbessern – das will ja auch die EU und die Bundesregierung – und wir müssen das Nutzerverhalten optimieren. Hierzu ein paar Stichworte wie Leerlaufverluste, Beladung von Waschmaschinen und Trocknern oder Stand-by-Betrieb.
Daneben wollen wir im BEK auch das allgemeine Konsumverhalten der Berlinerinnen und Berliner in Richtung von mehr Nachhaltigkeit bewegen – da hilft uns etwa, dass eine gesunde Ernährung in vielen Punkten auch eine klimafreundlichere Ernährung darstellt. Das betrifft nicht nur den Fleischkonsum, aber der ist sicher ein ebenso wichtiges wie schwieriges Thema. Schließlich wollen wir, dass unsere Maßnahmenvorschläge auch dauerhaft und damit auch wieder nachhaltig wirken, weshalb uns auch die Themen Bildung und Kommunikation am Herzen liegen.

Frage 2:  Im Handlungsfeld Private Haushalte und Konsum geht es vor allem auch um Verhaltensänderungen der Bevölkerung – wieso ist das eine besondere Herausforderung?

Antwort: Ja, das ist sicherlich eine besondere Herausforderung! Es gibt das Vorurteil, dass Klimaschutz allein durch technische Neuerungen zu erreichen wäre. Vereinfacht gesagt: „Wir machen einfach die Geräte immer besser, dann lösen sich die Probleme schon von alleine“. Richtig ist daran, dass wir technische Innovationen unbedingt brauchen! Aber sie werden alleine nicht reichen, vor allem dann nicht, wenn es wie im BEK nicht um „ein bisschen Klimaschutz“, sondern um Klimaneutralität bis 2050 geht.
Da reichen eben nicht nur ein paar mehr Energiesparlampen. Hier gehören auch Gewohnheiten auf den Prüfstand. Natürlich kann man beispielsweise einen A+++ Wäschetrockner kaufen – und das ist auch allemal besser, als ein ineffizientes Alt-Gerät 20 Jahre zu betreiben. Aber der gute alte Wäscheständer verbraucht gar keinen Strom. Im Bereich Ernährung ist es noch sinnfälliger. Wer mit einem beliebigen CO2-Rechner  (beispielsweise vom Umweltbundesamt) ein bisschen herumspielt, wird schnell feststellen, dass ein hoher Fleischkonsum schlecht fürs Klima ist. Am klimaverträglichsten ist eine vegane Diät, gefolgt von einer vegetarischen und dann von einer mit reduziertem (Stichwort Sonntagsbraten) oder verändertem (zum Beispiel Schwein statt Rind) Fleischkonsum. Der Blick in die jüngere Konsumgeschichte ebenso wie ein wenig Introspektion zeigen: Die Änderung von Konsum- und Essgewohnheiten dürfte schwer fallen. Hier müssen wir deshalb schrittweise vorgehen und Lösungen finden, die auf die verschiedenen Menschen in ihren verschiedenen Lebenslagen zugeschnitten sind.

Frage 3:  Zwischen den einzelnen Handlungsfeldern gibt es zum Teil ziemliche Wechselwirkungen. So spielt die Bewusstseinsbildung der Bevölkerung, die Sie in Ihrem Handlungsfeld vorantreiben, auch in anderen Feldern eine Rolle. Wie sind Sie bei der Erarbeitung der Maßnahmenvorschläge mit diesen Interdependenzen umgegangen?

Antwort: Die Aufteilung der Handlungsfelder orientiert sich primär an der Logik der Berliner Energie- und CO2-Bilanz und somit an einer Statistik. Im wirklichen Leben gibt es aber jede Menge Wechselwirkungen. Etwa zum Handlungsfeld Gebäude und Stadtentwicklung, wo sich der Bilanzlogik folgend im BEK der Bereich „Heizung und Warmwasserbereitung“ befindet. Die gleichen Menschen, die Energiesparlampen kaufen oder ihre Waschmaschine optimal beladen sollen, sollten auch ihr Heizverhalten klimafreundlich gestalten. Etwa, indem sie nur bestimmte Räume voll beheizen und auf Obergrenzen achten. Dasselbe gilt für die Verkehrsmittelwahl der Berlinerinnen und Berliner oder ihr Verhalten am Arbeitsplatz, womit das Handlungsfeld Wirtschaft angesprochen ist. Im BEK-Team sind wir uns dieser Wechselwirkungen wohl bewusst, trotz der Aufteilungen. Wir versuchen dem durch komplementäre Strategie- und Maßnahmenentwicklungen Rechnung zu tragen. Ein Beispiel: Zum Gedanken eines suffizienten, also auch auf Bedürfnisse und Konsumniveaus reflektierenden Konsumverhaltens gehört auch, das Prinzip „geteilte Nutzung statt exklusiv privates Eigentum“ auf die Handlungsfelder Verkehr sowie Gebäude und Stadtentwicklung anzuwenden. Man tauscht Kleidung statt neue zu kaufen, man nutzt Car-Sharing statt ein eigenes Auto zu haben und man wohnt in Wohngemeinschaft statt alleine. Die Szenarien, die wir von der Machbarkeitsstudie „Klimaneutrales Berlin 2050“ ins BEK übernommen haben, setzen diese einheitliche Haltung in den drei Handlungsfeldern Private Haushalte und Konsum, Verkehr sowie Gebäude und Stadtentwicklung spezifisch um.

Frage 4:  Welche Maßnahme, die im Rahmen des Beteiligungsprozesses für Ihr Handlungsfeld eingebracht wurde, hat Sie besonders überrascht?

Antwort: Generell hat mich etwas überrascht, dass das Thema „Suffizienz“ im Beteiligungsverfahren stark eingebracht wurde. Es ist nicht überraschend, dass sich Politik und Verwaltung mit Fragen wie „Wie viel ist genug?“ oder „Müssen Sie das alles wirklich haben/kaufen/nutzen?“ traditionell etwas schwertun. In die klassische Wirtschaftslandschaft, in der quantitatives Wachstum sozusagen „ohne Ansehen von Verlusten“ immer begrüßt wird, passt Suffizienz auch erstmal nicht. Kein Wunder also, dass das Maßnahmenset, mit dem wir nach diversen Abstimmungsrunden in das Beteiligungsverfahren gegangen sind, nicht allzu viele Suffizienzthemen enthielt. Diese wurden aber verstärkt eingefordert, und jetzt haben wir auch diese wichtige Komponente gleichrangig neben den Effizienzmaßnahmen, die es natürlich auch braucht.

Frage 5:  Sie sind auch an der Erarbeitung des Berliner Klimaschutzteilkonzepts zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels (AFOK) beteiligt – wie steht das in Verbindung?

Antwort: Auch wenn wir beim Klimaschutz unsere Ziele erreichen: Aufgrund der Trägheit des Erdsystems wird der Klimawandel in Zukunft noch eine ganze Zeit lang weitergehen. Auch Berlin hat ja schon Klimafolgen wie beispielsweise Hitzewellen oder Extremniederschläge zu spüren bekommen – nicht zuletzt in diesem Sommer – und dies wird in den nächsten Jahren noch schlimmer werden. Parallel zum Klimaschutz müssen wir also die Anpassung an den Klimawandel verbessern, um weniger Schäden zu haben. Das hilft meines Erachtens auch dem Klimaschutz: Viele Leute setzen sich für Klimaschutz ein, weil sie Angst vor den negativen Folgen des Klimawandels haben.
 Das AFOK-Team (neben dem PIK sind auch das IÖW, das Planungsbüro bgmr, die LUP sowie die L.I.S.T. dabei) macht Ensemble-Klimaprognosen bis 2100 für Berlin und entwickelt in engem Dialog mit Expertinnen und Experten sowie Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern gezielte Maßnahmen für alle Handlungsfelder in Berlin. Einen Überblick hierzu finden Sie unter www.stadtentwicklung.berlin.de. Dankenswerterweise muss man damit in Berlin nicht bei Null anfangen. Schon 2011 wurde der Stadtentwicklungsplan Klima beschlossen, und es gibt zum Beispiel im Rahmen des Berliner Umweltatlas wertvolle Detailinformationen über die verwundbaren Stellen der Stadt. Darauf können wir aufbauen. Und natürlich prüfen wir sehr genau, wo Konflikte aber auch Synergien zwischen Klimaschutz (BEK) und Klimaanpassung (AFOK) bestehen. Wir suchen nach Anpassungslösungen, die möglichst auch dem Klimaschutz dienen. Die Qualifizierung der Berliner Grünräume etwa kann in Grenzen die Verdichtung der Stadt kompensieren, die es teilweise aus Klimaschutzgründen braucht. Ähnliches gilt für die AFOK-Strategie, Berlin zur „Schwammstadt“ zu entwickeln – zu einer Stadt also, die mit dem öfter und extremer auftretenden Regenwasser klüger an der Stadtoberfläche umgeht, statt es sehr kostenträchtig komplett in die Kanalisation abzuleiten. Das hier nötige System aus Zwischenspeichern, Dach- und Fassadenbegrünungen, Brunnen und Verdunstungsanlagen wird nicht nur das zukünftig heißere Berliner Stadtklima abkühlen, sondern auch CO2-intensive fossile Kühlsysteme überflüssig machen. BEK und AFOK sollen gleichermaßen dazu beitragen, dass Berlin nicht nur eine verantwortungsvolle Metropole werden, sondern auch ein guter Lebens- und Arbeitsort bleiben soll.