Städtebau  

 

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Lustgarten in Berlin-Mitte


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Brunnen im neugestalteten Lustgarten Die Geschichte von Gartenanlagen im Umfeld des Stadtschlosses läßt sich bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts zurückverfolgen. Genauer dokumentierte Gärten begannen hier allerdings erst zu entstehen, nachdem der Große Kurfürst Berlin nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges wieder zu seiner Residenz gemacht hatte. Daher soll der kurze Abriß zur Geschichte des Lustgartens, dessen Lage im Zentrum Berlins immer eine besondere war, hier beginnen.

1. Phase: Neuanlage 1645 bis 1658


Unter dem Großen Kurfürsten entstand auf dem ehemals städtischen Terrain die erste nachweisbare Gestalt des Lustgartens, eine große, bedeutende Anlage im holländischen, zum Teil manieristischen Stil. Der Garten gliederte sich in ein erhöhtes, eingefriedetes Parterre, das dem Apothekenflügel am Schloß zugeordnet war und einen niedriger liegenden zweiten Teil, der aus zwei einfacheren Parterres und einer Laubenganganlage bestand. Dieser Teil war von einem Obstgarten umgeben. Hinter einem mit Lindenalleen bepflanzten Damm folgte der Küchengarten.

Neben zahlreichen Skulpturen und Brunnen gehörten das Lusthaus von Memhardt und die ersten beiden Orangerien dieser Phase an.

2. Phase: Umgestaltung zwischen 1658 und 1688


Ausgelöst durch die Stadtbefestigung, besonders den Bau der Lustgartenbastion, und die Aushebung eines neuen Spreegrabens quer durch das Areal, wurde der Garten im französischen Stil umgeformt. Oberer und unterer Blumengarten wurden beide neu aufgeteilt, die Laubengänge entfielen, die Obstquartiere wurden mit zum Parterre gezogen. Nach Westen hin wurden französische Boskettes angelegt, die es bisher nicht gegeben hatte.

Als Abschluß des Gartens und dieser Phase wurde 1687 das Neue Pomeranzenhaus nach einem Entwurf Nerings auf der Lustgartenbastion erbaut.

Veränderungen zwischen 1688 und 1713

Friedrich I. ließ den Garten abermals modernisieren, nun nach dem Stand der Gartenkunst im Frankreich Ludwigs XIV. und Le Nótres. Durch den Bau des Lustgartenflügels des Schlosses wurde der bisher fehlende Bezug zum Schloß hergestellt. Das obere Parterre erhielt die Funktion einer Schloßterasse, das untere wurde nochmals großzügiger und übersichtlicher gestaltet. Im hinteren Teil am Spreegraben entstand ein sehr modernes Rasenparterre.

3. Phase: Der Lustgarten 1713 bis 1831


Bekannt ist, daß der Lustgarten 1713 planiert wurde, um als Exerzierplatz zu dienen und Unterhaltungsmittel einzusparen. Die Beendigung des Schloßbaues unter Friedrich Wilhelm I. machte auch aus gestalterischen Gründen eine Änderung des Lustgartens erforderlich, da keine Beziehung zwischen dem Westteil der neuen Lustgartenfassade, vor der noch alte, unansehnliche Gebäude standen, und dem gegenüberliegenden Boskett bestanden. Dieses Gastaltungsproblem wurde durch die Planierung radikal gelöst. Erhalten blieben nur die Lindenalleen im Norden und Westen, das Lusthaus und die Orangerie.

Hoffnungen, daß Friedrich II. nach seinem Regierungsantritt 1740 den Lustgarten neu anlegen lassen würde, erfüllten sich nicht.

Um 1800 wurde der Platz auf der Ost- und Südseite zusätzlich mit doppelten Reihen von Pyramidenpappeln umgeben, die den Dom völlig verdeckten.

4. Phase: Umfassende Neugestaltung zwischen 1831 und 1870


Anlaß zu einer umfassenden Neugestaltung des Lustgartens waren der Umbau des Doms 1817-22, der Neubau der Schloßbrücke 1821-24 und der Bau des Alten Museums 1824-28, dem die Zuschüttung des Pomeranzengrabens vorausging.

Der erste Entwurf von Schinkel vom Juli 1828 zeigt eine durch eine Längs- und drei Querachsen gegliederte Gartenanlage. Der Vorschlag trägt den auftretenden schiefen Winkeln dadurch Rechnung, daß die Gartenanlagen zum Schloß hin mit einem Bogen abschließen, der sich vor dem Museum wiederholt. Der Plan sieht drei Springbrunnen in der Längsachse des Gartens vor, davon einen unmittelbar vor dem Schloß. Bei diesem Entwurf einen Einfluß Lenne's zu vermuten, wie dies oft geschah, ist unbegründet. Der Entwurf wurde vom König korrigiert. Der zweite Plan vom Oktober 1828 ist die Reaktion auf die königliche Korrektur. Er zeigt den Lustgarten als "Vorgarten" des Alten Museums, streng rechteckig gehalten. Vor der Freitreppe des Museums bleibt ein Halbrund zur Aufnahme der Granitschale ausgespart. Westlich und östlich ist der Platz mit Kastanien gefaßt.

Dieser Plan wurde weitgehend ausgeführt. Der Lustgarten wurde mit Gaslaternen beleuchtet, um die Rasenfelder zogen sich eiserne Zäune. Hauptanziehungspunkt sollte der Springbrunnen werden. Um Wasser in ausreichender Menge fördern zu können, wurde nördlich der Börse einDampfmaschinenhaus nach Entwurf Schinkels errichtet. 1831 erfolgte die Aufstellung der vielbeachteten Granitschale vor dem Museum.

Veränderungen 1841

Eine dritte Zerstörung des Lustgarten erfolgte 1840 anläßlich der Trauerfeier für Friedrich Wilhelm III. Die Wiederherstellung erfolgte auf einfachste Art.

5. Phase: Neufassungen zwischen 1870 und 1934


Die größeren Veränderungen, die den Schinkelschen Lustgarten in den gründerzeitlichen verwandelten, waren eine Folge der Aufstellung des Denkmals für Friedrich Wilhelm III. Seine Fundamentierung bedingte notwendig eine große Baugrube und die Zerstörung der Gartenanlagen. Die Pläne für die Neuanlage stammten von Hofbaurat Johann Heinrich Strack aus dem Kgl. Hofbauamt. Bestimmend für diesen Entwurf mit seinen beiden stark betonten Diagonalwegen war vor allem eine gute Erschließung der Umgebung, die vordere Querachse nahm keine Rücksicht auf das Domportal. Prägende Elemente waren neben dem Reiterstandbild zwei kleine Fontänen in den beiden südlichen Rasenfeldern.

Veränderungen nach dem Dombau 1905

Der Dom entstand 1894-1905 nach Entwürfen von Julius Raschdorff. Stilistisch wurde er seinerzeit als Nachempfindung italienischer Hochrenaissance und der Barockkunst der Spätrenaissance eingeordnet.

Seinem Bau folgte 1905 die Anlage eines geraden Weges in der Achse seines Westportals, die dem Lustgarten eine allerdings nur im Grundriß auffallende Asymmetrie gab, und die weite Öffnung der Baumreihe vor dem Dom.

Über Veränderungen der Gestalt in der Zeit der Weimarer Republik ist nichts bekannt. Der Lustgarten gewann seit 1918 seine hauptsächliche Bedeutung als Kundgebungsplatz oder wie es in der DDR hieß: "Der Lustgarten, das einstige Zentrum der Monarchie, war von nun an die Stätte großer Kundgebungen und Demonstrationen der Berliner Arbeiterklasse." Die oft mehr als 100.000 Teilnehmer dürften die Gartenanlagen nicht eben geschont haben.

6. Phase: Der Lustgarten in der NS-Zeit


Hitler nahm eine bestehende Tradition auf, als er den Lustgarten gestalterisch der Funktion als Ort für Masssenversammlungen anpassen ließ. Die Neugestaltung es Lustgartens geschah im Hinblick auf die Olympischen Spiele 1936. 1934 billigte er den Plan des Ministerialrats Conrad Dammeier zur Neugestaltung, der 1935/36 ausgeführt wurde.

Dammeier lehnte das Denkmal Friedrich Wilhelms III. und den Dom als Störfaktoren für das Alte Museum ab. Er verkleinerte die Baumlücke vor dem Dom auf das unbedingt nötige Maß, das der Breite der Portalnische entsprach. Um dem Alten Museum mehr Geltung zu verschaffen, versetzte er das Denkmal Friedrich Wilhelms III. an die Seite. Die Granitschale wurde ebenfalls entfernt, weil sie die Ansicht der Fassade überschnitt. Man beseitigte die Fahrbahn, um das Museum unmittelbar an den Lustgarten anzubinden.

Seitliche breite Rasenbahnen und neue Kandelaber unterstrichen den Tiefenzug, der bei besonderen Gelegenheiten durch seitlich aufgestellte Standartenreihen zusätzlich verstärkt wurde. Der gesamte Lustgartenbereich war gepflastert. Die Rasterung des Platzes erleichterte die Aufstellung der Menschenmassen.

7. Phase: Der Lustgarten nach 1945 bis 1994


1945 war der Lustgarten großenteils mit Sandverwehungen bedeckt, Panzerwracks standen umher. Das Reiterdenkmal war Anfang 1945 von Bomben zerstört worden.

Nach 1946 fanden im Lustgarten wieder "machtvolle Demonstrationen" und "beeindruckende Manifestationen" statt und er wurde "so etwas wie eine Chronik der antifaschistisch-demokratischen Entwicklung und des sozialistischen Aufbaus".

1951 wurde er auf Wunsch der SED zusammen mit dem Schloßplatz und der Schloßfreiheit in Marx-Engels-Platz umbenannt. Bei dieser Gelegenheit pflanzte man neue Lindenreihen auf den vormaligen Rasenstreifen rechts und links. Diese Bäume schränkten den Blick auf das Museum ein. Später wurden die Lampen von 1935 entfernt.

Anlaß für eine verstärkte Planungstätigkeit im Bereich des Marx-Engels-Platzes Mitte der 70er Jahre bildete vor allem die Notwendigkeit, die Umgebung des Palastes der Republik in adäquater Weise neu zu gestalten. Unter den erarbeiteten Alternativen des Büros für Städtebau dominieren streng formale, die aus der Zeit des Nationalsozialismus stammende Pflasterung aufnehmende Entwürfe. Hauptelement ist hier eine große zentrale Rasenfläche, unterbrochen von der Domachse, in der eine Fontäne ihren Platz finden sollte, oder die Granitschale, die bei anderen Entwurfsvarianten wieder ihren alten Standort vor dem Museum einnimmt. Den Entwürfen gemeinsam ist - im Sinne seiner Geschichte vor 1935 - das Verständnis des Lustgartens als einer eigenständigen, eher garten- als platzartigen Anlage. Keine dieser Planungen kam zur Ausführung.

8. Phase: Beauftragung von Prof. Hans Loidl


Nach 1989 ging von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Initiative aus, nicht nur die Museen, sondern auch das Umfeld der Museumsinsel neu zu ordnen. Vor allem für den Lustgarten sah man dringenden Gestaltungsbedarf, zumal er zunehmend durch profane Nutzungen belegt wurde, die mit seiner historischen und stadträumlichen Bedeutung nicht in Einklang zu bringen waren.

Nach mehrjährigen schwierigen Planungsprozessen beschloss der Senat von Berlin am 11.11.1997 auf Vorschlag von Herrn Senator Peter Strieder:
  1. die Wiederherstellung des Lustgartens unter Aufnahme der Planung Karl Friedrich Schinkel's.
  2. die Arbeiten umgehend zu beginnen und bis spätestens Ende 1999 fertigzustellen.
  3. einen Förderantrag für eine Anteilsfinanzierung bei der Allianz Stiftung zum Schutz der Umwelt zu stellen.
Die Aufgabe der Wiederherstellung der historischen Schicht "Schinkel" beinhaltete dabei nicht die Idee der puren Rekonstruktion, hierfür fehlten u. a. verbürgte historische Spuren. Die Aufgabe intendierte die Wiederherstellung des von Schinkel gewollten Bildes, insbesondere die Aufnahme der geometrischen Figuren und Proportionen des Alten Museums. Die Beziehung zum Dom, der Abschluß an der Karl-Liebknecht-Str. sowie die seitliche Begrenzung durch die Linden waren mit den kulturellen und städtebaulichen Ansprüchen von heute in Einklang zu bringen.

Noch im Jahr 1997 hat die mit der Vorbereitung, Durchführung und Abwicklung des Vorhabens beauftragte Grün Berlin Park und Garten GmbH die ersten notwendigen bauvorbereitenden Maßnahmen - insbesondere flächenhafte Beseitigung von Gasschäden - begonnen. Mit der Planung wurde Prof. Hans Loidl beauftragt.

Sein Entwurf orientierte sich entsprechend der fachpolitischen Vorgaben an Schinkels ausgeführten Plan, um die enge Korrespondenz zwischen Museum und Garten wiederherzustellen.

Materialwahl, Möblierung, Einfassung und Modellierung der Rasenflächen sowie der Umgang mit Wasser und Licht betonen, dass der neue Lustgarten eine zeitgenössische Gartenanlage ist, die Schinkels letzten, ausgeführten Entwurf lediglich zitiert und interpretiert.

1997 konnte das Land Berlin die "Allianz-Umweltstiftung" als Partner für die Neugestaltung des Lustgartens gewinnen. Sie beteiligte sich kontinuierlich an der Vorbereitung und Durchführung der Planungen und übernahm die Hälfte der Realisierungskosten.

Mit der Eröffnung des Lustgartens am 24. September 1999 steht den Berlinern und ihren Gästen nach zwei Jahren Bauzeit wieder der wichtigste Freiraum in unserer Stadt zur Verfügung. Der Lustgarten ist Garten und er ist Empfangssalon für das Alte Museum, den Dom und vielleicht auch einmal für ein neues "Schloss".
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